Mythen der Digitalisierung mit Blick auf Studium und Lernen

Die Digitalisierung revolutioniert die Bildung, so eine These. Die Investitionen in EdTech, in Educational Technology, über die letztes Jahr viel berichtet wurde, scheinen diese These zu bestätigen. Dagegen setzen die Autoren, Rolf Schulmeister und Jörn Loviscach, auf „verstärkte Aufklärung und empirische Forschung“: „Es wird Zeit, einen kritischen Standpunkt zum Technologie-Determinismus einzunehmen.“ Im vorliegenden Artikel tun sie dies, indem sie sich mit vier Mythen der Digitalisierung auseinandersetzen:

1. Lernen heutige Studierende „digital“?
2. Helfen Notebook, Tablet und Smartphone in der Präsenzlehre?
3. Helfen Vorlesungsaufzeichnungen und Blended Learning?
4. Hilft technisch unterstützte „Aktivierung“ in der Präsenzlehre?

Die Einführung des Artikel und die Formulierung der Fragen lässt erahnen, dass ein einfaches „ja“ hier keine Option ist. Die Autoren verweisen auf Empirisches, auf unzählige Studien und deren Ergebnisse, um ein differenziertes Bild aufzuzeigen. Wobei „Empirie“, und das macht die Sache noch einmal vertrackter, sich in der Regel auf die bestehenden Strukturen, auf den Status Quo der Hochschullehre bezieht. „Helfen“ (um die zentrale Formulierung aus den Fragen der Autoren aufzunehmen) also digitalisierte Konzepte sowie digitale Systeme und Tools, um unter bestehenden Bedingungen des Studierens erfolgreicher zu sein? Nein, zumindest nicht auf den Wegen, die die Mythen suggerieren. Und, nein, wenn sich die Systeme und Tools am Ende des Tages an erfolgreich bestandenen Klausuren messen lassen müssen. Aber könnten diese neuen Möglichkeiten nicht Anlässe bieten, um über bestehende Konzepte des Studiums, des Lehrens und Lernens, nachzudenken?

Der Artikel von Rolf Schulmeister und Jörn Loviscach ist Teil eines Online-Sammelbandes. Weitere Beiträge sind hier abrufbar. (via Gabi Reinmann)
Rolf Schulmeister und Jörn Loviscach, in: Christian Leineweber und Claudia de Witt (Hrsg.): Digitale Transformation im Diskurs, 2017 (via Fernuniversität Hagen) (pdf)

Bidquelle: Fernuniversität Hagen

Mit mehr Diversität zu einer Universität der Zukunft

Sascha Friesike, Professor für digitale Innovation der Vrije Universiteit Amsterdam, beschreibt in diesem lesenswerten Interview, wie er sich Hochschulen und Lehre vorstellt: das „Four C“-Konzept des Lernens im Blick haben (Critical Thinking, Collaboration, Communication, Creativity); Diversität in der Lehre und im Lehrkörper; Lehrende, die akzeptieren, dass sie nicht alles wissen können; Studierende, die auch mal mit Ideen zur Verbesserung von Kursen auf Dozenten zugehen. Sogar MOOCs haben in diesem Bild ihren Platz:

„Bei MOOCs habe ich erstmal kein soziales System, in dem ich lernen kann. Daher sind die Abbruchraten bei MOOCs auch so hoch. Aber sie können ein wunderbares Werkzeug sein, wenn ich sie mit einem bestehenden sozialen System kopple. Sagen wir mal eine Abteilung in einer Firma möchte sich zu einem bestimmten Thema besser informieren, dann wäre ein MOOC über den man innerhalb der Firma spricht, eine gute Option. Gerade wenn wir das Zauberwort des lebenslangen Lernens in den Ring werfen, werden wir sehen, dass unsere Universitäten das kapazitiv gar nicht könnten. MOOCs und andere Formate sind daher ungemein wichtig.“

Nadine Winter, Interview mit Sascha Friesike, politik-digital.de, 16. Februar 2018

Bildquelle: Alexis Brown (Unsplash) 

Trendmonitor Weiterbildung

Dieser Trendmonitor hat ein konkretes Ziel: Er will, dass sich Unternehmen und Hochschulen besser aufeinander einstimmen. Dafür haben sich drei Partner, die HHL Leipzig Graduate School of Management, der Stifterverband sowie der E-Learning-Anbieter Lecturio, zusammengetan und 245 Unternehmen sowie 184 Hochschulen befragt. Die Ergebnisse geben einen Überblick über den Stand der betrieblichen Weiterbildung sowie der Weiterbildungsangebote der Hochschulen.

Natürlich steht die Digitalisierung im Mittelpunkt dieses Trendmonitors. Zum einen als Treiber der Unternehmen und damit auch ihrer Weiterbildung. Und zum anderen als digitale Bildung, verbunden mit der Frage, welche Rolle und Bedeutung digitale Lernformate auf beiden Seiten, Unternehmen wie Hochschulen, heute spielen. Ohne jetzt einzelne Ergebnisse dieses Trendmonitors auf die Goldwaage legen zu wollen, scheint hier noch viel Luft nach oben. Das sehen wohl auch die Autoren der Studie so, wenn die letzte These im Unternehmenskapitel heißt: „Digitalisierung bestimmt die Zukunft der betrieblichen Weiterbildung.“ (S. 26)

Was auf Seiten der Hochschulen ins Auge springt: Sie würden gerne viel mehr in der wissenschaftlichen Weiterbildung unternehmen und anbieten, wenn sie nur die entsprechenden finanziellen und personellen Ressourcen hätten!
Manfred Kirchgeorg, Silko Pfeil, Tobias Georgi, Sebastian Horndasch und Stefan Wisbauer, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V, 2018

Bildquelle: Trendmonitor Weiterbildung (S. 24)

The crisis of the college degree

Lange Zeit bildete der Hochschulabschluss die Eintrittskarte in das Berufsleben. Das, so heißt es in der Studie „The Future of the Degree: How Colleges Can Survive the New Credential Economy“, beginnt sich zu ändern. Im Zeiten des lebenslangen Lernens sind Abschlüsse gefragt, die nicht die an einer Hochschule verbrachten Jahre, sondern die Kompetenzen der Lernenden widerspiegeln. Die Rezension der Studie geht auf verschiedene Entwicklungen und Veränderungen ein, aber am interessantesten sind aus meiner Sicht die folgenden Trends, die zukünftige Qualifikationen prägen sollen:

1. Instead of paper records housed by universities, credentials will be electronic assets belonging to the learner and maintained in a virtual network using the same blockchain technology that makes cryptocurrencies like bitcoin safe and decentralized. MIT has already awarded its first diplomas through this method.

2. In addition to traditional certificates, universities will grant new types of micro-credentials like badges that recognize lifelong learning.

3. Rather than exist as a single document, credentials will need to be communicated through portfolios that demonstrate the knowledge and skills of the bearer.

4. The increasing use of data analytics in hiring decisions could reduce the importance of the certificate, but increase the relevance of specific learning experiences within university.

Esteban Fredin, Observatory of Educational Innovation | Tecnológico de Monterrey, 30. Oktober 2017

Bildquelle: Jonathan Daniels (Unsplash)

Universität 4.0 – Gedanken im Vorfeld eines Streitgesprächs

Im Umfeld der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) mit dem überraschenden Titel „Universität 4.0“ haben jetzt einige Referenten und Referentinnen ihre Beiträge publik gemacht. Dazu gehört auch Gabi Reinmann. Sie hat sich, zur Vorbereitung auf ein Streitgespräch, mit verschiedenen Fragen rund um die Digitalisierung auseinandergesetzt und stellt uns ihre Antworten im Nachhinein zur Verfügung. Im Grunde sind sie alle ein Appell, sich auf die Aufgabe der Universität zu besinnen, „einen verantwortungsvollen Umgang mit der Digitalisierung zu finden“ – und nicht immerzu die gleichen Fragen nach dem Nutzen und Mehrwert digitaler Medien zu beantworten. Was sie als „digitale Grenzgängerin“ aber dennoch, den Vorgaben ihrer Mitstreiter folgend, tapfer tut.

„Es gilt, der Digitalisierung forschend und lehrend, offen und kritisch zugleich zu begegnen – mit einer Idee der Universität als Richtschnur. Es gilt, gerade in der Universität über den Tellerrand der Digitalisierung zu schauen.“

Gabi Reinmann, Hochschuldidaktik, 3. November 2017

My part in the battle for Open (universities)

Wenn ich die Zeilen von Martin Weller über Open Education und seine Arbeit an der Open University lese, kommen mir zwei Gedanken: zum einen frage ich mich, warum ich das deutsche Pendant, die FernUni Hagen, in dieser Diskussion so viel weniger und leiser wahrnehme; und dann überlege ich, ob es nicht vielleicht Zeit für ein Rebranding ist, ob nicht die Vorsilbe „Fern“ etwas aus der Zeit fällt und ob nicht „open“ ein zeitgemäßeres, bildungspolitisches Statement wäre.

Wie auch immer: Martin Weller sieht jedenfalls auch in Zeiten von Massive Open Online Courses noch genügend Gründe für die Existenz einer Open University. Stichworte seines Beitrages sind unter anderem „reclaiming the open history“ und „open educational practice“.
Martin Weller, The Ed Techie, 25. Oktober 2017

What I learned from the ICDE World Conference on Online Learning

Tony Bates war in Toronto auf der World Conference on Online Learning und fasst seine Eindrücke zusammen. Er schreibt zum einen „The future is scary“, denn:

„It is clear that post-secondary education will eventually be targeted on a significant scale by global, highly commercial, digital Internet companies, such as Amazon, Alibaba, and Facebook, and by technologies such as big data, massive online courses, and artificial intelligence.“

Diese Entwicklung wird möglicherweise Bildung kostengünstiger und damit für neue Zielgruppen erreichbarer machen, aber die Bildungsvielfalt reduzieren. „….but there is hope, too“, wenn Bildungsinstitutionen die digitale Transformation selbst aktiv gestalten und staatliche Stellen die Entwicklungen des Bildungsmarktes kritisch begleiten.

Und dann noch: „Printed books are still popular“, zumindest, wenn sie von Tony Bates geschrieben und signiert sind.
Tony Bates, e-learning and distant education resources, 23. Oktober 2017

A Domain of One’s Own

International, zum Beispiel an der University of Mary Washington, ist es schon länger ein Thema: „A Domain of One’s Own“. Also höchste Zeit, es auch hierzulande einmal auszuloten. So geschehen vor einigen Tagen auf dem ersten Netzwerktreffen für die Hochschullehre, organisiert vom Hochschulforum Digitalisierung. Ein Protokoll des Workshops zum Thema liegt hier vor. Doch was verbirgt sich hinter dem Stichwort „A Domain of One’s Own“?

„Eine Studentin oder ein Student erhält von der Hochschule zu Beginn des Studiums eigenen Webspace inklusive einer eigenen Domain, die sie ab diesem Moment für Lehr- und Lernzwecke, aber auch darüber hinaus als eigene Webpräsenz nutzen kann und darf. Die Nutzung der Domain wird daher idealerweise in Lehre und Lernen an der Hochschule integriert.“

Wenn man es genau nimmt, dann bilden die Projekte und Ideen rund um „A Domain of One’s Own“ das Gegenstück zur Debatte um Edtech & die Personalisierung des Lernens. Vielleicht geht es noch nicht einmal um die Verknüpfung mit der Hochschullehre, sondern um die Frage, wie wir uns in Zukunft souverän und selbstorganisiert im und mit dem Netz bewegen, jenseits von Facebook und Google. Stichworte wie „digital literacy“ und „eportfolio“ fallen fast zwangsläufig im Artikel. Und die Hochschulen bilden biografisch nicht den schlechtesten Startpunkt.

In Berlin haben es die Teilnehmenden im knappen Zeitfenster eines Workshops immerhin geschafft, die Aspekte „Governance, policy and administration“, „Technology, infrastructure, and production“ sowie „Pedagogy, learning and collaboration“ zu diskutieren. Jetzt darf man gespannt sein, ob eine Hochschule den Ball aufnimmt.
Jane Brückner, Markus Deimann und Christian Friedrich, Hochschulforum Digitalisierung/ Blog, 4. Oktober 2017

 

How Generations X, Y, and Z May Change the Academic Workplace

Das Thema ist übertragbar: Wir haben die Silent Generation, Baby Boomers, Generation X, Millennials und Generation Z, die heute nebeneinander in Unternehmen und Organisationen arbeiten und sich in wesentlichen Routinen und Bedürfnissen voneinander unterscheiden, nicht zuletzt durch ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit neuen Technologien. Die Autorin macht die Unterschiede zwischen den Generationen und mit Blick auf die Hochschulen an vier Punkten fest: „smartphone use“, „teaching styles“, „the value of college“ und „faculty culture“ und gibt etwas praktische Lebenshilfe. Übertragen auf Corporate Learning wären das: unterschiedliche Anforderungen an den Zugang zu Lernangeboten, an Lehr- und Lernformate und an die Unternehmens- und Lernkultur.
Sarah Brown, The Chronicle of Higher Education, 17. September 2017 (Registrierung erforderlich)

Hamburg gestaltet Zukunft der digitalen Hochschullehre

Ich habe immer noch keine Ahnung, wie man das Akronym HOOU ausspricht. Am besten gar nicht, sondern brav von „Hamburg Open Online University“ sprechen. Die ist nämlich heute, knapp drei Jahre nach der Grundsteinlegung, als „öffentlicher Prototyp“ gestartet. In der Pressemitteilung des Hamburger Senats heißt es einleitend:

„Das digitale Kooperationsprojekt Hamburg Open Online University (HOOU) aller staatlichen Hamburger Hochschulen und des UKE geht heute (19. September 2017) mit einer ersten prototypischen Version ans Netz. Die Kernidee der HOOU ist, dass die Hamburger Hochschulen auf einer gemeinsamen Plattform innovative digitale Lernformate entwickeln, die Studierenden und interessierter Öffentlichkeit gleichermaßen zur Verfügung stehen.“

Der Senat, heißt es, unterstützt die HOOU auch in ihrer weiteren Projektphase von 2017 bis Ende 2018 mit rund 8,86 Millionen Euro (nach 3,7 Millionen Euro für 2015/2016). Da sich das Angebot auch an „Interessierte außerhalb der Hochschulen“ richtet, werde ich in den nächsten Tagen mal schauen, ob das „Nicht-Hamburger“ einschließt.
Freie und Hansestadt Hamburg, Pressestelle, 19. September 2017