Videofeedback in der Lehre – Ilka Nagel im Videointerview

Ich habe gerade noch ein paar Hausarbeiten Studierender vor mir liegen, und vielleicht probiere ich es einmal aus. Es braucht sicher einige Vorüberlegungen, denn die Kommentierung und Bewertung von Dokumenten verläuft ja in der Regel nicht linear: Man wirft einen Blick auf das Inhaltsverzeichnis, springt zur Literatur am Ende der Arbeit, startet mit dem ersten Kapitel, blättert irgendwann zurück, wenn man Wiederholungen oder Brüche vermutet oder Fragen hat, die ein früheres Kapitel betreffen. Oder man unterbricht die Lektüre mehrmals. Ilka Nagel von der Østfold University (Norwegen) ist jedenfalls von den Vorteilen des Videofeedbacks überzeugt. Alles nur eine Frage der Routine, meint sie. „Feedback Out Loud“.
Florian Hanke und Till Rückwart, Interview mit Ilka Nagel, Hochschulforum Digitalisierung, 8. August 2018

Bildquelle: Hochschulforum Digitalisierung

Digitale Lehre – Trends 2018

Jürgen Handke (Philipps-Universität Marburg) hat in den letzten Monaten fleißig Bildungsinstitutionen besucht, dort referiert und beraten und seine Eindrücke jetzt in einem „Sommer-Resümee“ zusammengefasst. Die Trends, die er beobachtet hat: Inverted Classroom („auf dem Vormarsch“), Künstliche Intelligenz („tut sich einiges“) und Open Educational Resources („scheint sich durchzusetzen“).

Natürlich gibt es auch Herausforderungen: von antiquierten Lernräumen, über wissensorientierte Prüfungen bis zu skeptischen Hochschullehrern. Aber, so Jürgen Handke: „Das alles kann die Entwicklung verzögern, aber nicht aufhalten.“
Jürgen Handke, YouTube, 23. Juli 2018

Studium digital: Brauchen wir eine nationale Hochschulplattform für Lehre und Weiterbildung?

Für Menschen wie mich, die es noch nicht geschafft haben, die aktuelle „Machbarkeitsstudie für eine nationale Plattform für die Hochschullehre“ zu lesen, hat Ulrich Schmid (mmb Institut) wahrscheinlich diesen Artikel geschrieben. Um mit dem Ende zu beginnen: Der Beitrag schließt mit einem Plädoyer für eine gemeinsame hochschul- und länderübergreifende Bildungsplattform. Das mag als Ergebnis einer Machbarkeitsstudie wenig überraschend sein, mit Blick auf die Rahmenbedingungen digitaler Bildung ist es aber zumindest herausfordernd.

Ausgangspunkt des Artikels ist die „virtuelle Zurückhaltung“ der deutschen Hochschulen in Sachen digitaler Bildung. Dabei teilt Ulrich Schmid digitale Bildung in drei Marktsegmente ein: a) nutzergenerierter Micro-Content, b) Open Learning und MOOCs sowie c) Virtuelles Studium. Beim Punkt „nutzergenerierter Micro-Content“ kann ich jetzt auf den ersten Blick das Marktsegment nicht so richtig erkennen, aber vielleicht muss man einfach den Begriff hier sehr offen lesen.

Der Artikel führt die bekannten Gründe auf, die hinter der virtuellen Zurückhaltung gesehen werden: von organisatorischen Fragen bis zum fehlenden digitalen Mindset vieler Hochschullehrer*innen – ohne allerdings näher auf diese Gründe einzugehen. Das macht dann auch den nächsten Schritt, die Entwicklung einer nationalen Bildungsplattform, und ihre Einordnung schwer. Ulrich Schmidt gibt dem Projekt mit Blick auf den Markt digitaler Bildung und mögliche Ziele erste Konturen:

„Es bräuchte also wahrscheinlich beides: Einerseits eine technologisch zeitgemäße Plattformlösung, die das vorhandene und künftig entstehende digitale Angebot der Hochschulen maximal vernetzt und erschließbar macht, und andererseits neue Inhalte, Kurse, MOOCs, Video-Lectures aus den Hochschulen heraus, die didaktisch, fachlich und methodisch gleichermaßen attraktiv wie hochwertig sind und daher auf ein breites Interesse der Nutzer aus Hochschulen, Unternehmen und dem privaten Umfeld rechnen dürfen.“

Er nennt das Projekt bildungspolitisch einen „großen Wurf“. Da nicke ich erst einmal, denn die Gründe, die zur „virtuellen Zurückhaltung“ geführt haben, sind ja nicht aus der Welt. Aber vielleicht schließt die Machbarkeitsstudie hier noch einige Lücken …
Ulrich Schmid, Digitalisierung der Bildung/ Bertelsmann Stiftung, 7. Juni 2018

Future Work Skills – Ein Interview mit Prof. Dr. Tobias Seidl

Der Report „Future Work Skills 2020“, vom Institute for the Future (IFTF) entwickelt und 2011 erschienen, ist fast schon ein Klassiker der Trendforschung. In diesem Interview stellt Tobias Seidl noch einmal die einzelnen Trends vor, die aus Sicht des Forschungsinstituts unsere Zukunft bestimmen werden, und die Kompetenzen, mit denen wir uns für diese Zukunft rüsten müssen.

Aber die Studie bildet eigentlich nur den Aufhänger. Im Gespräch führt sie zu weiteren interessanten Punkten: zum einen (natürlich) zur Frage, wo unsere menschlichen Stärken in einer Welt liegen, die immer stärker von Automatisierung, Künstlicher Intelligenz und Algorithmen geprägt wird. Die Brisanz dieser Frage hat sich seit 2011 natürlich weiter verstärkt. Tobias Seidl weist dann auch auf den Kontext hin, in dem Studien wie die des IFTF entstehen („Silicon-Valley-Perspektive“), und auf die Aufgabe der Hochschulen, sich mit ihren Ergebnissen auseinanderzusetzen:

„Wir müssen uns die Frage stellen, was unsere Rolle und unser Selbstverständnis als Hochschule ist: Geben wir nur kanonisiertes Wissen und fachliche Kompetenzen weiter, oder müssen wir den Fokus weiten und sagen, wenn wir etwas als zentrale Zukunftskompetenzen erkennen, dann müssen wir diese auch in die Lehre und Curricula integrieren. Das ist eine große Auseinandersetzung, weil dann ggf. neue Themen und Kompetenzbereiche eine Rolle spielen, die für uns als Hochschulen neu sind. Wir haben dafür dann unter Umständen nicht die Strukturen und eventuell auch nicht das Personal. Vielleicht passt das auch nicht in unser Denken von Prüfungen und Lehrorganisation. Auf jeden Fall lohnt sich für uns der Blick nach Außen und das Entwickeln von Visionen, wie man das Hochschulbildungssystem alternativ denken und neue Impulse integrieren kann. Hier kreative und neue Wege zu finden ist eine zentrale Aufgabe.“

Till Rückwart, Interview mit Tobias Seidl, Hochschulforum Digitalisierung, 24. Mai 2018

Bildquelle: Institute for the Future

Online learning and disruptive change at the UK Open University

Berichte über die Open University in UK machen mich immer neugierig. Ist sie die Referenz, wenn es um das Lernen in der digitalen Welt geht, das Rollenmodell für lebenslanges Lernen? Eine Benchmark für Hochschulen, die an ihrer Digitalstrategie arbeiten? Oder wenigstens ein Laboratorium für neue didaktische Konzepte?

Nach der Lektüre dieses Reiseberichts von Tony Bates, der eine Keynote auf der 7. eSTEeM Konferenz der Open University halten durfte, ist man ernüchtert.

1. Die Open University steckt in einer schweren Krise. Finanzen, Führung, Zahlen der Studierenden – überall knirscht es.

2. Die Open University ist „online but not digital“. Tony Bates schreibt, dass ihn diese Erkenntnis wie ein Schock getroffen hat:
„It is clear that many of the teaching staff have not really ‘got it’ with regard to digital learning. … with a heavy emphasis on content transmission. … In particular, the OU is really weak in its exploitation of the networking and student collaboration that the web offers and in its integration of social media within the design of courses.“

3. Leitmedium der Open University ist nach wie vor Print. Die Studierenden wollen es, die Lehrenden sind es gewohnt. Aber wer, wenn nicht die Open University, wäre besser geeignet, diesen Teufelskreis zu durchbrechen und ihre Studierenden auf die Zukunft vorzubereiten: „This requires thinking digitally when designing courses, which is difficult if your first and preferred option is always print.“

Ein interessanter Beitrag, für den sich sicher auch hierzulande Parallelen finden lassen. Tony Bates plant übrigens noch zwei Fortsetzungen.
Tony Bates, e-learning and distant education resources, 2. Mai 2018

Bildquelle: Chmee2 (Wikimedia, CC BY-SA 3.0)

Digital Learning Map

Die „Digital Learning Map“, so heißt es im aktuellen Newsletter von e-teaching.org, ist in Kooperation mit dem Hochschulforum Digitalisierung entstanden. Sie soll „die Projekte, Initiativen und Produkte digitaler Hochschullehre in ganz Deutschland sichtbar“ machen und „durch die gesammelten Praxisbeispiele Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer der Akteure über Institutions- und Bundesländergrenzen hinweg […] erleichtern“. Aktuell sind auf der Map 13 Projekte verzeichnet, die nach Problemstellungen, Virtualisierungsgrad und Disziplinen gefiltert werden können. Weitere Projekte sind herzlich willkommen. Irgendwie erinnert mich das Projekt an die Wissensmanagement-Initiativen vergangener Tage. Und eigentlich sollte das Digitale doch auch in der Hochschullehre längst Alltag sein. Ich bin gespannt, wo das Projekt am Ende der Laufzeit (ja, es ist ein vom BMBF gefördertes Projekt) steht.
e-teaching.org, 3. Mai 2018

„Blockaden im Kopf lösen“: Bottom-Up Digitalisierung @ Chinese University of Hong Kong

Jürgen Handke hat eine Woche an der Chinese University of Hong Kong verbracht und darüber ein Reisetagebuch beschrieben. Die Themen: (natürlich) Digitalisierung der Lehre, Flipped Classroom, Lehr-/ Lernvideos, OER, Lernapps. Seine Eindrücke: Begeisterung für das Thema Digitalisierung allerorten, große Motivation und die Bereitschaft zu teilen und zu kooperieren. Sein Fazit:

„So fliege ich mit gemischten Gefühlen heim. Auf der einen Seite die große Begeisterung für die Digitalisierung und das Vorhandensein aller Elemente und Strukturen in Hongkong; auf der anderen Seite die großen Probleme zu Hause. In Deutschland macht man genau das nicht, was anderswo und zumal in Hong Kong Standard ist: Man teilt häufig nicht, man kooperiert nur zögerlich, man redet von Strategien und Herausforderungen, man diskutiert Risiken und setzt den Fokus bei der Digitalisierung auf einen Top-Down-Prozess. (Und während ich diese Zeilen schreibe, wird Unsinn-Verbreitenden Ignoranten wie Manfred Spitzer im Deutschlandfunk auch noch eine Bühne gegeben). So wird das nichts mit der Digitalisierung der Lehre.“

Jürgen Handke, Hochschulforum Digitalisierung/ Blog, 6. April 2018

Bildquelle: Jürgen Handke/ Digitalisierung der Lehre (YouTube)

Openness als Gegenstand von Bildungstheorie und Medienpädagogik

Markus Deimann (Fachhochschule Lübeck) hat den Vortrag, den er gerade auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) an der Universität Duisburg-Essen gehalten hat, schon im Netz geteilt. Der Titel lässt erahnen, dass es hier um grundsätzliche Fragen geht, denen ich mit einem kurzen Verweis nicht gerecht werden kann. Markus Deimann will jedenfalls Brücken schlagen: zwischen Hochschulen, digitaler Bildung und Openness. Die Lektüre lohnt sich, auch wenn der Autor zugibt, dass die Diskussion noch ganz am Anfang steht.

„Der Beitrag beleuchtet die an das Hochschulsystem herantretenden Öffnungsbewegungen wie Open Access, Open Educational Resources und Massive Open Online Courses aus bildungstheoretischer Sicht und diskutiert die medienpädagogischen Implikationen. Als ein System mit einer überaus langen Traditionslinie, verstanden es Hochschulen sehr gut, sich zu etablieren und einen eigenen Code – Wahrheit, mit den Ausprägungen wahr/unwahr – herauszubilden. Diese kulturelle Errungenschaft scheint nun durch die digitale Transformation ins Wanken zu geraten. Somit stellt sich die Frage, wie Hochschulen darauf reagieren können? Als Orientierungsperspektive bietet sich ein neuer Code (Offenheit) an, der durch die oben genannten Öffnungsbewegungen emergiert.“

Markus Deimann, Google Docs, 19. März 2018

Mythen der Digitalisierung mit Blick auf Studium und Lernen

Die Digitalisierung revolutioniert die Bildung, so eine These. Die Investitionen in EdTech, in Educational Technology, über die letztes Jahr viel berichtet wurde, scheinen diese These zu bestätigen. Dagegen setzen die Autoren, Rolf Schulmeister und Jörn Loviscach, auf „verstärkte Aufklärung und empirische Forschung“: „Es wird Zeit, einen kritischen Standpunkt zum Technologie-Determinismus einzunehmen.“ Im vorliegenden Artikel tun sie dies, indem sie sich mit vier Mythen der Digitalisierung auseinandersetzen:

1. Lernen heutige Studierende „digital“?
2. Helfen Notebook, Tablet und Smartphone in der Präsenzlehre?
3. Helfen Vorlesungsaufzeichnungen und Blended Learning?
4. Hilft technisch unterstützte „Aktivierung“ in der Präsenzlehre?

Die Einführung des Artikel und die Formulierung der Fragen lässt erahnen, dass ein einfaches „ja“ hier keine Option ist. Die Autoren verweisen auf Empirisches, auf unzählige Studien und deren Ergebnisse, um ein differenziertes Bild aufzuzeigen. Wobei „Empirie“, und das macht die Sache noch einmal vertrackter, sich in der Regel auf die bestehenden Strukturen, auf den Status Quo der Hochschullehre bezieht. „Helfen“ (um die zentrale Formulierung aus den Fragen der Autoren aufzunehmen) also digitalisierte Konzepte sowie digitale Systeme und Tools, um unter bestehenden Bedingungen des Studierens erfolgreicher zu sein? Nein, zumindest nicht auf den Wegen, die die Mythen suggerieren. Und, nein, wenn sich die Systeme und Tools am Ende des Tages an erfolgreich bestandenen Klausuren messen lassen müssen. Aber könnten diese neuen Möglichkeiten nicht Anlässe bieten, um über bestehende Konzepte des Studiums, des Lehrens und Lernens, nachzudenken?

Der Artikel von Rolf Schulmeister und Jörn Loviscach ist Teil eines Online-Sammelbandes. Weitere Beiträge sind hier abrufbar. (via Gabi Reinmann)
Rolf Schulmeister und Jörn Loviscach, in: Christian Leineweber und Claudia de Witt (Hrsg.): Digitale Transformation im Diskurs, 2017 (via Fernuniversität Hagen) (pdf)

Bidquelle: Fernuniversität Hagen

Mit mehr Diversität zu einer Universität der Zukunft

Sascha Friesike, Professor für digitale Innovation der Vrije Universiteit Amsterdam, beschreibt in diesem lesenswerten Interview, wie er sich Hochschulen und Lehre vorstellt: das „Four C“-Konzept des Lernens im Blick haben (Critical Thinking, Collaboration, Communication, Creativity); Diversität in der Lehre und im Lehrkörper; Lehrende, die akzeptieren, dass sie nicht alles wissen können; Studierende, die auch mal mit Ideen zur Verbesserung von Kursen auf Dozenten zugehen. Sogar MOOCs haben in diesem Bild ihren Platz:

„Bei MOOCs habe ich erstmal kein soziales System, in dem ich lernen kann. Daher sind die Abbruchraten bei MOOCs auch so hoch. Aber sie können ein wunderbares Werkzeug sein, wenn ich sie mit einem bestehenden sozialen System kopple. Sagen wir mal eine Abteilung in einer Firma möchte sich zu einem bestimmten Thema besser informieren, dann wäre ein MOOC über den man innerhalb der Firma spricht, eine gute Option. Gerade wenn wir das Zauberwort des lebenslangen Lernens in den Ring werfen, werden wir sehen, dass unsere Universitäten das kapazitiv gar nicht könnten. MOOCs und andere Formate sind daher ungemein wichtig.“

Nadine Winter, Interview mit Sascha Friesike, politik-digital.de, 16. Februar 2018

Bildquelle: Alexis Brown (Unsplash)