Marketing statt Didaktik? Globale Internetkonzerne als Weiterbildungsanbieter

Wenn ich über neue Entwicklungen auf dem Bildungsmarkt berichte, komme ich in der Regel auch auf LinkedIn und LinkedIn Learning zu sprechen. Schon heute ist LinkedIn Learning ja für viele Unternehmen, die ihre Weiterbildung um Online-Kurse erweitern wollen, eine feste Adresse. Und wenn ich an die Verbindung zwischen Profilen und Stellenangeboten einerseits (LinkedIn) und Online-Kursen andererseits (LinkedIn) denke, geht da in Zukunft sicher noch mehr.

Von daher hat es mich gefreut, dass auch Anke Grotlüschen diese Verbindung gesehen und folgendermaßen eingeschätzt hat: „Ob diese Entwicklung disruptiv ist, kann derzeit kaum entschieden werden. Allerdings hat sie das Potenzial dazu, weil die Verknüpfung von Lebenslauf, Stellenmarkt und Weiterbildungsmodulen derart verkaufsträchtig ist, dass sie kaum zu verhindern sein wird – obwohl dabei grosso modo sensible Daten preisgegeben werden.“ („Erwachsenenbildung und Medienpädagogik: LinkedIn & Lynda, Xing und Google als Bildungsanbieter“)

Das Zitat habe ich einem Artikel von Angelika Gundermann entnommen, die in ihrem Beitrag noch auf weitere Aspekte der Studie von Anke Grotlüschen eingeht. Auch mit dem Hinweis, dass die Studie bereits 2018 erschienen ist und mit Blick auf die Dynamik der Veränderungen auf diesem Feld hier viel mehr geforscht und publiziert werden sollte. Allerdings!
Angelika Gundermann, wb-web, 1. Oktober 2020

Bildquelle: Mohamed Hassan (pxhere, CC0)

Fünf Thesen zur Zukunft des Lernens

Heute bildete „Learning & Training“ den Schwerpunkt auf der ZPE Virtual, der virtuellen Zukunft Personal (über meinen Part als Mitglied des Expertenrats werde ich noch an anderer Stelle schreiben). Die fünf Thesen wurden von Anja Schmitz (Hochschule Pforzheim) und Pivi Scamperle (Schaeffler), stellvertretend für einen ZP ThinkTank, vorgestellt und leiteten so Tag und Schwerpunkt gewissermaßen ein.

Die Thesen sind hier auf den Seiten von Haufe nachzulesen. Sie unterstreichen aktuelle Veränderungen des Lernens und wollen aufzeigen, wohin sich die Reise entwickelt („Lernen 2025“):
1. Digital wird zum “New Normal” und die physische Präsenz wird zur begründeten Ausnahme.
2. Evidenzbasiertes Lernen wird aufgrund der breiten Datenverfügbarkeit zunehmen und die Implementierung wird gesellschaftlich kontrovers diskutiert.
3. Technologie wird in dem Maße den Lernprozess steuern, wie Menschen nicht bereit sind, Eigenverantwortung zu übernehmen.
4. Lernen wird strategisch bedeutsam und beeinflusst das Business-Outcome unmittelbar.
5. Umgang mit der Heterogenität der Lernenden wird zur wirklich, wirklich, bedeutsamen Aufgabe.“

Anja Schmitz unterstreicht im Artikel (und im heutigen Vortrag), dass diese Thesen nicht „gradlinig“ gelesen werden dürfen und sowohl Chancen wie auch Risiken enthalten. An einem Beispiel möchte ich diesen Hinweis unterstreichen:
Das „evidenzbasierte Lernen“ wird hier vor allem auf die Analyse und Nutzung von Daten und Datenspuren bezogen, die heute verstärkt im Rahmen von netzbasierten Lernaktivitäten anfallen. Wenn wir unter Lernen aber die Entwicklung von Menschen mit dem Ziel verstehen, selbstorganisiert in offenen, zukünftigen Situationen zu handeln, wenn wir an Kompetenzen wie Kreativität, Neugierde oder Resilienz denken, dann bin ich etwas unsicher, wie weit „evidenzbasiertes Lernen“ hier greift. Oder ob es hier nicht mehr um die Optimierung und Personalisierung von Lernprozessen und Lernangeboten geht.

Und die dritte These, aber das nur am Rande, ist etwas unglücklich formuliert.
Anja Schmitz, Haufe.de, 14. Oktober 2020    

 

Forscher fordern neues Verständnis von Lernen – jenseits von Abschlüssen

40 renommierte BildungsforscherInnen haben diese Woche ein Manifest unterzeichnet und plädieren darin für eine Idee von „New Learning“. Einen Namen hat es auch schon: „Hagener Manifest zu New Learning“. Es kommt unter anderem mit folgenden Empfehlungen daher:

„- die offensive Hinwendung zu einer aktuellen digitalen Ausstattung von Schulen und Hochschulen …,
– eine deutlich verbesserte berufsbegleitende Weiterbildung für Lehrende …
– den radikalen Perspektivwechsel weg vom Lehrenden hin zum Lernenden: „New Learning“ brauche „persönliche Lernbegleitung und adaptive Lernumgebungen, die sich der Individualität und Diversität der Lernenden anpassen“.“

Ich bin gespannt, ob das „Manifest“ noch Kreise zieht und mit weiteren, konkreten Aktivitäten verknüpft wird. Erst einmal steht es jetzt neben der „Verteidigung der Präsenzlehre“.
Armin Himmelrath, Der Spiegel, 01. Oktober 2020

Bildquelle: FernUniversität in Hagen

Braucht digitale Bildung eine Blockchain?

Andreas Wittke (TH Lübeck) ordnet die Frage dankenswerter gleich ein: Die Blockchain ist kein Thema für PädagogInnen! Aber sie kann eine digitale Infrastruktur bereitstellen, um das Management von Bildungsprozessen zu vereinfachen. Und das ist schon aus bildungspolitischen Gründen notwendig (Stichwort „internationale Mobilität der Studierenden“). Die Vereinfachung, so Andreas Wittke, greift vor allem an zwei Punkten des Bildungsprozesses: dem Eintritt (Identität, „Wer bist Du?“) und dem Austritt (Urkunde, „Was bekommst Du?“) aus der Hochschule. Weitere Details finden Blockchain-Fans in seinem aufgezeichneten Vortrag, gehalten im Rahmen der letzten MoodleMoot (24. – 27. August 2020).
Andreas Wittke, Moodlemoot DACH, 9. September 2020 (via YouTube)

Facebook Partners with Coursera to Launch Social Media Marketing Professional Certificate

Ist das die oder eine Zukunft der Weiterbildung? Courseras CEO, Jeff Maggioncalda, schreibt: „Today, we’re excited to announce a new Social Media Marketing Professional Certificate from Facebook – our newest industry partner. The certificate is designed for learners without a college degree or any prior experience to become ready for social media marketing jobs within a few months.“

Der Kurs ersetzt sicher keine fundierte Ausbildung, wie wir sie kennen. Wenn ich es richtig sehe, beginnt der Kurs am 20. September und soll in 20 Wochen enden. Selbstorganisiertes Lernen, zwischen zwei und fünf Stunden in der Woche. „Upon completion, learners will receive an industry-recognized certificate that they can use to apply for entry-level social media marketing roles.“

Der Kurs bzw. das Zertifikat haben auch ihren Preis, doch den konnte ich ohne Anmeldung nicht sehen. 1.500 Interessierte sollen sich bereits angemeldet haben. Ein schnelles, marktnahes Angebot mit einem sicher überschaubaren Investment.
Jeff Maggioncalda, Coursera Blog, 15. September 2020 

Präsenz- oder Online-Trainings?

Karlheinz Pape versucht, erste Schlüsse aus den Erfahrungen der letzten Wochen zu ziehen. Auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass uns Corona noch für einige Zeit erhalten bleibt. Im Kern läuft seine Zusammenstellung auf ein „digital first“ hinaus: „Und für alle Themen, die nicht unbedingt physisches Erscheinen brauchen, sollten wir auch künftig auschließlich die Online-Variante anbieten.“

Natürlich werden solche Entscheidungen in der Regel nicht von einzelnen Lehrkräften oder nur unter didaktischen Gesichtspunkten getroffen. Die Geschäftsmodelle der Bildungsanbieter müssen aufgehen. Und hier liegen wahrscheinlich die größten Hürden:

„Ja, das erfordert ein anderes Geschäftsmodell für L&D. Weniger Räume werden gebraucht, Ein Bericht über geleistete Teilnehmertage ist nicht mehr möglich. Trainerkapazität muss anders genutzt werden (Wenn man z.B. die 8 Stunden eines Trainertages auf 15 Tln verteilt, dann könnte jeder Tln 32 Minuten individuelle Betreuungszeit erhalten). Die Lerninhalte müssen modularisiert zugänglich gemacht werden. Und und und …

Nur – wenn wir das nicht machen, dann kommen ganz sicher andere auf die Idee, Lernen individueller zu gestalten.“
Karlheinz Pape, Corporate Learning Community/ Blog, 13. September 2020

AI for Learning. So what’s this book about?

Ein Link für meine „To Read“-Liste. Donald Clark hat seine Begeisterung für Künstliche Intelligenz zwischen zwei Buchdeckel gepackt und beschreibt in diesem Werbeblock, was LeserInnen erwarten dürfen: „AI and teachers“, „AI is the new UI“, „AI creates content“, „AI and learning analytics“ und „AI in assessment“ lauten zentrale Kapitelmarken.

„This is, to my knowledge the first general book about how AI can be used for learning and by that I mean the whole gamut of education and training.“ … „AI changes the world, so it changes why we learn, what we learn and how we learn.“

Alles, was Donald Clark hier über die Durchdringung unseres (Lern-)Alltags durch KI schreibt, ist sehr gut nachzuvollziehen. Der Punkt, der mich (noch) nicht unmittelbar in die Begeisterung vieler AI-Apologeten einfallen lässt, wird von ihm selbst genannt: „It is everywhere, just largely invisible.“ Der Lernende, der morgen zum ersten Mal ein BarCamp besucht, erlebt unmittelbar ein neues Konferenzformat; die Lernende, der morgen ein Chatbot auf ihre Frage in einem Forum antwortet, oder die einen Beitrag auf ihrem Screen liest, den ein pfiffiger Algorithmus ausgewählt hat, merkt das wahrscheinlich nicht einmal.
Donald Clark, Donald Clark Plan B, 18. August 2020 

Top 200 Tools for Learning

Jane Hart hat wieder die „Top Tools for Learning“ zusammengetragen, inzwischen zum 14. Mal! Abgestimmt haben dieses Jahr 2.369 Bildungsinteressierte aus 45 Ländern. Wie schon seit einigen Ausgaben pflegt sie nicht nur ein einziges Ranking, die Top 200 Tools, sondern teilt dieses noch einmal auf: in die „Top 100 Tools for Personal Learning (PL100)“, die „Top 100 Tools for Workplace Learning (WL100)“ und die „Top 100 Tools for Education (Ed100)“.

Wie erwartet, sind es 2020 vor allem Zoom und MS Teams, die die größten Sprünge in den Top Ten gemacht haben. Zoom wird auch gleich zum „Tool of the Year 2020“ gekürt, und dagegen ist sicher nichts zu sagen.

In einem zweiten Post („Analysis 2020“) hat Jane Hart einige erste Beobachtungen festgehalten, die ich hier in verkürzter Form teile:

1. YouTube retains the #1 position that it is has held for the 5th year running. …
2. Zoom has zoomed up the list into the #2 spot this year. It is clear that video meetings are not just important for remote work, but to keep in touch with family and friends throughout lockdown – and of course for virtual training and virtual education too. …
3. Collaboration platforms do very well this year.  …
4. There has actually been a resurgence in email tools this year. …
Google Classroom soars into the Top 20 at #16. Up a whopping 121 places this year, it is the highest mover up the list, and becomes the top learning platform. …
5. Live engagement tools have come into their own this year. …
6. LinkedIn edges ahead of Twitter for the first time as the top social networking platform …
7. LinkedIn Learning remains the most popular online course platforms although it has also dropped down the list a number of places as have nearly all the big online course platforms on the list (e.g. Udemy, Coursera, Udacity, FutureLearn, etc) …“

Hier stoppe ich einmal. Bei den meisten Beobachtungen finde ich mich wieder. Bei einigen lohnt ein Blick in die „Sub-Listen“. Auch hier gibt uns Jane Hart erste, kurze Orientierungspunkte. Viel Spass beim Stöbern!
Jane Hart, Top Tools for Learning 2020, 1. September 2020

 

Lernen wird zunehmend mit Arbeiten verschmelzen

Thomas Jenewein (SAP) antwortet in diesem Interview auf Fragen über das „Lernen in der digitalen Transformation“. Stichworte sind unter anderem Lernprozesse, die in der täglichen Arbeit aufgehen, Freiräume für selbstgesteuertes Lernen, Personalentwickler als „Learning Experience Designer“ und, nicht zu vergessen, der Werbeblock fürs Podcasting, der bei Thomas Jenewein nicht fehlen darf.
Interview mit Thomas Jenewein, HR Performance, 4/ 2020, S. 46-48 (pdf)

Offene KI-Bildung für alle

Noch einmal ein kleiner Werbeblock für den KI-Campus, der im Auftrag des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für rund 11 Millionen Euro gerade mit Leben gefüllt wird. Auf der einen Seite wird im Beitrag auf MERTON noch einmal die Dringlichkeit des Aufbaus entsprechender Kompetenzen beschworen. Und auf der anderen Seite wird erzählt, was man alles auf dem Campus in Zukunft erwarten darf. Eigens entwickelte, aber auch kuratierte Lern- und Informationsangebote. Für Studierende und Berufstätige. Eigentlich sollte für jeden etwas dabei sein.

Einen ersten Eindruck kann man sich auf der Plattform selbst verschaffen. Denn seit Juli sind die ersten Ressourcen in einer öffentlich zugänglichen Beta-Version verfügbar.
Corina Niebuhr, MERTON – Onlinemagazin des Stifterverbandes, 4. August 2020