Against the 3A’s of EdTech: AI, Analytics, and Adaptive Technologies in Education

Im Hintergrund laufen derzeit wieder die Abstimmungen für den nächsten Horizon Report und die Technologien, denen in den nächsten Jahren der größte Einfluss auf das Lehren und Lernen zugeschrieben wird. Maha Bali ist aktiv in diesen Abstimmungsprozess involviert, sucht aber eine Plattform, um ihr Unbehagen gegenüber den „3A’s“ (Artificial Intelligence, Analytics und Adaptive Learning) auszudrücken. Dabei geht es ihr vor allem um zwei Punkte:

a) die Rolle des Lehrenden, die in ihren Augen in der Diskussion um die „3A’s“ auf ein Set von Tätigkeiten reduziert wird, die sich automatisieren lassen (oder auch nicht);
b) die Daten und Algorithmen, die Lehrenden und Lernenden schrittweise die Kontrolle über ihre Lernaktivitäten entziehen.

Es sind gute, wichtige Punkte, die in die laufende Diskussion gehören und sich hoffentlich auch im kommenden Horizon Report wiederfinden. Viele Links auf weitere Autor*innen und Artikel ergänzen diesen Beitrag.
Maha Bali, The Chronicle of Higher Education, 29. November 2017

Bildquelle: NMC Horizon Report: 2017 Higher Education Edition (YouTube)

Ein kleiner Roboter vertritt kranke Kinder in der Schule

Roboter in der Bildung, das war in den letzten Wochen vor allem Jürgen Handke, der in Marburg mit seinen Assistenten Pepper und Nao experimentiert (hier ein Bericht). Aber es gibt weitere Einsatzfelder und -möglichkeiten, wie dieser Bericht über einen Telepräsenzroboter zeigt. Er (mit Namen „Bee“) ermöglicht es schwer kranken Kindern, am Unterricht und an anderen sozialen Aktivitäten teilzunehmen.

„Bee verleiht ihr vor Ort Augen und Ohren. Die Schülerin kann sich nicht nur per Lautsprecher an den Gesprächen beteiligen. Sie kann auch alles, was die Kamera des Roboters sieht und was sein Mikrofon aufnimmt, über WLAN oder 4G-Mobilfunk auf ihrem Tablet streamen. Dadurch kann Jade wieder mit dem Unterricht Schritt halten und an ihr Leben vor dem Ausbruch der Krankheit anknüpfen.“

Veronika Szentpétery-Kessler, Technology Review, 27. November 2017

Bildquelle: Marius Vabo – No Isolation (Wikipedia, CC BY-SA 4.0)

Die vierte Ausgabe des Fachmagazins Synergie ist erschienen

Die vierte Ausgabe von Synergie, dem Fachmagazin für Digitalisierung in der Lehre, ist erschienen. Vorneweg: Sie ist wieder mit viel Liebe zum Detail gestaltet, ein wahrer Augenschmaus, und schon das Durchblättern ist ein Vergnügen! Den thematischen Schwerpunkt bilden dieses Mal „Makerspaces“, ein weiterer ist OER und Metadaten gewidmet. Kerstin Mayrberger schreibt im Editorial:

„Der Aufbau von explorativen Makerspaces, die Einbindung in die Lehre und die ersten umfassenderen Forschungseindrücke zu diesem noch jungen Themenfeld liegen vor, und es verbreitet sich derzeit stark an den Hochschulen. Von einer grundlegenden Einführung über die Anwendung in der Medizin bis hin zur Nutzung in Bibliotheken haben wir in dieser Ausgabe einen Überblick zusammengestellt und möchten Ihnen damit einen Einstieg oder interessante Anregungen zur Vertiefung anbieten.“

Eine interessante Einführung und Einordnung des Trends kommt von Sandra Schön. Sie beschreibt Makerspaces als „Kreativräume und Werkstätten an Hochschulen, in denen rund um digitale Innovationen entwickelt, gestaltet und erprobt wird“. Als solche stehen sie in unmittelbarer Nachbarschaft zu BarCamps und Hackathons. Zuschreibungen wie „selbstorganisiertes Lernen“, „DIY“, „Räume für Vernetzung“ und „Erwerb von Medienkompetenz“ fallen. Anschließend geben verschiedene Praxisberichte einen Einblick in die gelebte Wirklichkeit der Bewegung. Ansonsten kann ich noch den Reisebericht von Christian Friedrich empfehlen, der, ganz am Ende des Hefts, über „Virtually Connecting“ erzählen darf.
Synergie – Fachmagazin für Digitalisierung in der Lehre, Blog, 23. November 2017

HR Technology For 2018: Ten Disruptions Ahead

Auch dieses Jahr soll der Ausblick des Analysten nicht fehlen. Josh Bersin hat wieder das Spielfeld der HR-Plattformen, Systeme und Tools vermessen und auf 10 „big changes“ heruntergebrochen. Natürlich gilt auch für 2017: „… things are changing faster than ever“. Und natürlich ist fast jeder Trend „most important“ und „the next big thing“. Das gehört zum Klappern des Analysten. Aber was zählt Josh Bersin nun auf?

1. A Massive Shift From „Automation“ To „Productivity“. Weg von der ausschließlichen Suche nach Effizienz. Alle wollen produktiver, kreativer, agiler werden. Kann HR (Software) hier unterstützen?
2. Acceleration Of HRMS And HCM Cloud Solutions, But Not The Center Of Everything. Die Cloud kommt, aber es dauert etwas. Weil es die gesamte Architektur betrifft.
3. Continuous Performance Management Is Here: And You Should Get With It
4. Feedback, Engagement, And Analytics Tools Reign. Hier (zwischen 3 und 4) habe ich fließende Übergänge gesehen. Die Richtung: Das Ende des jährlichen Mitarbeitergesprächs und der Zielvereinbarung. Hin zu Live-Daten und Dashboards. „… but this is still a new world“.

5. Reinvention Of Corporate Learning Is Here (im letzten Jahr hieß es „The Continuing Explosion and Evolution of the Learning Market“, aber das nur am Rande)

“ … a new breed of corporate learning tools has finally arrived, and companies are snapping them up quickly.

These include the „experience platforms,“ a new breed of „micro-learning platforms,“ modernized LMS systems, and new AI-based systems to recommend learning, find learning, and deliver learning. Virtual Reality-based learning is now alive and well, and I expect to see smarter and smarter technologies to help us find „just what we need“ along the lines of performance support. And you can now buy systems that let employees publish and share content without any major effort on your part.“

6. The Recruiting Market Is Thriving With Innovation. Der „war for talent“ ist wieder da. Hier spielt die Musik!
7. The Wellbeing Market Is Exploding. Health, Burnout, jetzt Human Performance. „The next big thing.“ Wenn nicht Privatsphäre und Datenschutz wären. Aber die bringt der amerikanische Analyst erst beim nächsten Punkt ins Spiel.
8. People Analytics Matures And Grows. Jetzt kommen Big Data und AI zu ihrem Recht. Doch: Mehr Daten als Fragen.
9. Intelligent Self-Service Tools. Wieder AI. Und die Frage, wer Ordnung in das Ganze bringt. Aber Josh Bersin sucht noch den richtigen Begriff für diesen Markt …
10. Innovation Within HR Itself. HR als Treiber und „disruptor“. Klingt etwas nach Wunschdenken.

Josh Bersin, Forbes, 2. November 2017

Neue Studie: Blockchain in Education

Blockchain in der Bildung ist ein Thema, in das gerade sehr viel Fantasie gesteckt und das uns sicher noch einige Zeit beschäftigen wird. Die Publikationen zum Thema sind allerdings überschaubar. Umso erfreulicher, dass es jetzt diese umfassende Studie des Joint Research Centre (JRC), das ist der wissenschaftliche Dienst der Europäischen Kommission, gibt. Und noch schöner, dass sich das Hochschulforum Digitalisierung (den Namen des/ der Autor*in kann ich leider gerade nicht entdecken) aufgemacht hat, die 136 Seiten zu lesen und zusammenzufassen. So wissen wir jetzt:

  • Dier Einsatz von Blockchain in der Bildung steckt noch in den Kinderschuhen, doch das (genau!) „disruptive Potenzial“, so die JRC-Autoren, ist da.
  • Die vielversprechendsten Einsatzmöglichkeiten bestehen in der Ausstellung und Verifizierung von Leistungsnachweisen und Zertifikaten, der Verwaltung von geistigem Eigentum, im Datenmanagement und der Studienfinanzierung.
  • Wichtig ist in dieser Phase eine breite grenzüberschreitende Zusammenarbeit, „denn Blockchain entfaltet sein Potential vor allem in der transnationalen Nutzung“.

Ich möchte noch kurz die Träger der vier (!) „Use Case Studies for Blockchain Technology in Education“ ergänzen, die in der Studie kurz vorgestellt werden: Open University UK, University of Nicosia, MIT, Maltese Educational Institutions.
Hochschulforum Digitalisierung, 15. November 2017

Lern- und Lehrvideos: Gestaltung, Produktion, Einsatz

Für das „Handbuch E-Learning“ haben Martin Ebner und Sandra Schön diesen Beitrag geschrieben und als Entwurf veröffentlicht. „Lern- und Lehrvideos sind heute unerlässliche Bestandteile eines zeitgemäßen Unterrichts“, schreiben sie, und nachdem das geklärt ist, zählen sie verschiedene Einsatzmöglichkeiten von Lern- und Lehrvideos auf: von der Suche nach schnellen Antworten auf YouTube bis zu Massive Open Online Courses.

Es folgt ein Überblick über einige wichtige Formate wie Screencasts, Legetechnik-Videos, Tafel- und Whiteboardanschriften, Vorträge, Reportagen, Studioaufzeichnungen, Live-Vorträge, Animationen und Trickfilme, Interviews, Blockbuster (wenn es etwas mehr Budget gibt …) und, als ganz aktueller Trend, 360-Grad-Videos. Ein Lernvideo-Canvas gibt Interessierten schließlich noch eine praktische Starthilfe an die Hand. Für Einsteiger.
Martin Ebner und Sandra Schön, in: Hohenstein, Andreas/Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning, Deutscher Wirtschaftsdienst (Wolters Kluwer Deutschland), Köln, 71. Erg. Lfg., Oktober 2017 (via ResearchGate)

Mein Wochenausklang: Brauchen wir „Microlearning“?

In diesen Wochen erreicht mich wieder eine Fülle an Webinar-Angeboten. Ab und zu melde ich mich für eines an, und ab und zu raffe ich mich dann tatsächlich auf, auch einmal reinzuhören. Diese Woche ging es um „Micro-Learning and Gamification“. Ich bin dann doch zur Halbzeit aus dem Angebot ausgestiegen, weil es eher an Einsteiger adressiert war. Aber über den Begriff Microlearning habe ich noch eine Weile nachgedacht.

Ich weiß noch, dass es 2005 eine Microlearning-Konferenz in Innsbruck gab. Auf dieser (oder der nächsten, 2006?) bin ich gewesen. Damals führte der Begriff Microlearning noch beide Welten zusammen: die Internet-Avantgarde, die von Hypertext, RSS und „small pieces, loosely joined“ schwärmte; und die EdTech-Vertreter, die schon an neue Anwendungen für das mobile Lernen glaubten. Mit dem iPhone und YouTube haben dann die letzteren das Feld und den Begriff übernommen.

Was aber den Umgang mit Microlearning nicht leichter gemacht hat. Zwar ist man sich heute einig, dass mit Blick auf Nutzungsroutinen, Aufmerksamkeitsspannen und Vergessenskurven kein Weg an kurzen Lerneinheiten vorbeiführt. Aber hat man damit schon ein pädagogisches Konzept? Wenn ich den Begriff zum Beispiel in der „Mediendidaktik“ von Michael Kerres nachschlage, so werde ich zum Kapitel „Behaviorismus“ geführt. Dort wird Microlearning mit dem mobilen Lernen zusammengebracht, aber auch mit der Warnung, dass sich in kurzen Zeitfenstern nur begrenzte Lerninhalte, sprich: Faktenwissen, sinnvoll bearbeiten lassen. Es liest sich eher wie eine Verlegenheitslösung.

Im eingangs erwähnten Webinar gab es ein Schaubild mit einer Gegenüberstellung von Microlearning und Macrolearning (der Begriff war mir, das nur am Rande, neu). Microlearning, so heißt es da unter anderem, kommt ins Spiel, wenn ich sofort eine Antwort benötige („I need help now“), Macrolearning dagegen antwortet auf „I want to learn something new“. Das eine ist getrieben durch meine Fragen, beim anderen werde ich von Experten geführt. Aber auch diese Unterscheidung wirft Fragen auf, und ich bin nicht sicher, ob sie es in die Neuauflage der „Mediendidaktik“ schaffen wird.

Vielleicht, so mein heutiges Fazit, erweitert Microlearning vor allem den Blick: darauf, dass Lernen ein kontinuierlicher Prozess ist, in dem „große Lernblöcke“ durch kleine Impulse eingeleitet oder durch kurze Refresher fortgeführt werden können; darauf, dass Lernen formal und informell stattfindet und an vielen Stellen, oft hinter unserem Rücken, fest in unseren Alltag eingebettet ist. „Alte“ Newsletter-Dienste versuchen auch, solche Impulse zu setzen. Heute kommen sie als Messenger-Dienste via WhatsApp oder Telegram daher, wie die „tägliche Dosis Politik“ der Bundeszentrale für politische Bildung. Auch eine Form von Microlearning!?

The Case(s) Against Personalized Learning

Die USA sind in der Regel einen Schritt weiter: in der Entwicklung von EdTech, in der Implementierung von EdTech in Schulen und Hochschulen und in der kritischen Auseinandersetzung mit der neuen Praxis und ihren Folgen. Das betrifft auch „personalized learning“, das ja gerne als zentrales Versprechen der Digitalisierung der Bildung gehandelt wird.

„Wissen digital zugänglich zu machen ist ein wichtiger Schritt der Bildungsrevolution. Der nächste heißt Personalisierung.“ (Jörg Dräger/ Ralph Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsevolution, 2015, S. 61)

Trotzdem stehen wir noch am Anfang der Entwicklung. Das heißt, auch um Grundsätzliches wie Begriffe und Deutungen wird noch gestritten. Der vorliegende Artikel gibt drei Einwänden Raum:
Argument#1: The Hype Outweighs the Research („The evidence base is very weak at this point“, John F. Pane)
Argument #2: Personalized Learning is Bad for Teachers and Students („It’s behaviorism on a screen“, Alfie Koon)
Argument #3: Big Tech + Big Data= Big Problems („When Facebook promises personalization, it’s really about massive data collection“, Audrey Watters).

Der Artikel wird von weiteren Beiträgen zum Thema begleitet (Special Report: „Personalized Learning: Vision vs. Reality“). Und auch wenn Schulen hier im Mittelpunkt stehen, EdTech und „personalized learning“ sind eine Entwicklung, die keinen Bildungsbereich auslassen wird.
Benjamin Herold, Education Week, 7. November 2017

Can you predict your students’ final grade at the start of the course? Yes, you can with Artificial Intelligence

Obwohl der Titel gleich Frage und Antwort liefert, hier noch einige Details: 106 Studierende (Engineering and Business at Tecnológico de Monterrey) wurden vier Jahre begleitet und datenmäßig erfasst. Am Ende hatte man 70 Variablen, die nicht nur das Studium, sondern auch den Alltag der Teilnehmer abdeckten, und man hatte Korrelationen zwischen den Variablen und dem Abschluss der Teilnehmer und damit also ein Modell, um den Studienerfolg vorherzusagen. Das hat man dann gleich auf eine neue Gruppe von Studierenden angewandt. Mit beachtlichem Erfolg: zu 96 bis 98 Prozent stimmten die Prognosen.

Ob das Modell künftig standardmäßig eingesetzt wird, wie Institutionen,  Lehrende oder Studierende mit ihm bzw. mit den Informationen umgehen, lässt der Artikel offen.

Aber vielleicht beginnt das erste Beratungsgespräch dann so: „Wir haben leider schlechte Nachrichten für Sie: Wenn alles normal verläuft, werden Sie den Abschluss wohl nicht packen! Wollen Sie es trotzdem versuchen? Vielleicht mit einem Personal Tutor?“
Omar Olmos López und Miguel Ángel Hernández, Observatory of Educational Innovation/ Tecnológico de Monterrey, 30. Oktober 2017

How can Gamification Improve MOOC Student Engagement?

Es ist schon oft gesagt und beklagt worden: Man wünscht sich in Online-Kursen gerne mehr aktive Teilnehmer und mehr Teilnehmer, die auch bis zum Ende eines Kurses durchhalten. Das betrifft vor allem MOOCs, die als offene Angebote häufig eine große Zahl an Lernern anziehen, aber auch hohe Abbruchquoten verzeichnen. Könnte Gamification hier eine Lösung sein?

Die Autoren dieser Studie sind davon ausgegangen, dass „student engagement“ ein erfolgskritischer Faktor für den Lernprozess der Teilnehmenden ist. Gamification, so das Konzept, könnte diesen Faktor positiv beeinflussen. Um diese These zu überprüfen, haben die Autoren die Lernerdaten eines Kurses untersucht, der 2014, 2015 und 2016 stattfand („Gratis Online Lernen“ auf der österreichischen MOOC-Plattform iMooX) und dessen letzte Durchführung um ein entsprechendes Gamification-Element erweitert wurde: Wenn die Lernenden sich im Kurs einloggten, wenn sie ein Quiz bearbeiteten oder wenn sie im Diskussionsform aktiv waren, wurde ihnen jede Woche ihr Status angezeigt – in Form einer Batterie und ihres Ladezustands.

Das Ergebnis: Vergleicht man die Quiz-Aktivitäten und die Zahl der Kursabschlüsse (in Relation zu den registrierten Teilnehmern) der letzten drei Jahre, so schneidet der „gamifizierte“ Kurs besser ab. Der Ausblick der Autoren:

„Finally, gamification may carry tremendous potential behind. That is, it ties strongly with student motivation and therefore increases the general completion rate. The big MOOC players like edX, Khan Academy, and Coursera have become aware of the importance of gamification designs and the future will carry new techniques that will verify their impact on the success of MOOCs.“

Mohammad Khalil, Martin Ebner und Wilfried Admiraal, Conference Paper, European Conference on Game Based Learning, Oktober 2017 (via ResearchGate)