Comeback der alten Lernideen

Viele der aktuell präsentierten Angebote auf dem Bildungsmarkt basieren auf Ideen, so Lutz Goertz, „die schon vor zehn oder zwanzig Jahren diskutiert wurden“. Jetzt, so fährt er fort, sei offensichtlich die Zeit reif, sie auf den Markt zu bringen. Seine Beispiele:

Virtual Reality: hat Internet-Visionär Jaron Lanier schon in den 1990er Jahren beschrieben. Virtuelle Lernassistenten: man denke nur an Joseph Weizenbaum’s „ELIZA“. Übungsfirmen: im „realen Leben“ ein alter Hut. Lernkartensysteme: kennen wir vom Vokabellernen seit Jahrzehnten. Interaktive Videos: wurden auch schon in den 1990er Jahren gedreht – mit viel Aufwand, hohen Kosten und als „Liebhaberprojekte“ in der Weiterbildung. 

Das Fazit von Lutz Goertz: „Tatsächlich beschleunigen technische Innovationen in der Lernwelt gute didaktische Ideen, die sich mit früheren Mitteln noch nicht realisieren ließen. Es lohnt sich also, auch vermeintlich gescheiterte Lernprojekte immer wieder einmal auf ihre Umsetzung mit den heutigen Lerntechnologien zu überprüfen.“

Meine Frage: Was wären denn heute die Bildungs- und Lernvisionen, die sich noch nicht oder nur schlecht realisieren lassen und auf die wir in 20 Jahren als „Vorläufer“ zurückblicken werden?
Lutz Goertz, mmb Institut, Juli 2019

Bildquelle: Maurizio Pesce (Flickr, CC BY 2.0)

„Ich bin ein aktiver Lernberater.“

Jürgen Handke, Anglistik- und Linguistikprofessor aus Marburg, ist ja auf diesem Kanal schon eine feste Einrichtung. In diesem Interview mit der Redaktion des Bildungsservers erzählt er von den zentralen Projekten, an denen er arbeitet: von H.E.A.R.T., in dem der Einsatz humanoider Roboter in der Hochschullehre erforscht wurde, und von „RoboPraX“, in dem humanoide Roboter als Werkzeuge eingesetzt werden, um Schülerinnen und Schülern in mehrtägigen Schulungen den Umgang mit der digitalen Welt näher zu bringen. Aber angestrichen habe ich mir den folgenden Gesprächsausschnitt:

Online-Redaktion:Wie reagieren Ihre Kollegen. Wollen die jetzt auch einen Yuki?“

Handke: „Nein, gar nicht, die ignorieren das. Das geht uns schon seit Jahren so, weil wir uns nicht um die deutschen Hindernisse, die da heißen: Scheiternkultur gibt es nicht, man teilt nicht, man kollaboriert nicht, man definiert immer nur die Ängste und Risiken, kümmern. Viele deutsche Kollegen wagen sich nicht auf Neuland. Sie wehren sich gegen jegliche neue Lehrform, haben Angst, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Seit Mitte der 90er hat die Presse begonnen zu schreiben „Computer ersetzt Professoren“, das hängt mir seit dieser Zeit als Label an. Aber das stimmt nicht. Die digitale Lehre selber stärkt die Präsenzlehre. Was wir machen, ist Kompetenztraining erster Klasse.“
Deutscher Bildungsserver/ Bildung + Innovation, 11. Juli 2019

Bildquelle: Jürgen Handke/ Digitalisierung der Lehre (YouTube)

Researchers at Udacity develop AI that can generate lecture videos from audio narration

Die Nachricht, dass eine Software entwickelt wurde, die eine Audio-Erzählung in eine Video-Vorlesung umwandelt, mag heute nicht weiter überraschen. Vielleicht fragt man sich noch kurz, was das Ganze eigentlich soll … Der Beitrag stellt jedenfalls das Prinzip vor: Man füttert ein System mit vielen Stunden Video-Material und lässt anschließend einen Algorithmus aus einem Audio ein neues Video entwickeln. Die verlinkten Ergebnisse (hier) sind aber noch bescheiden. Aber sie werden sicher bald besser.

Fügt man solche Nachrichten und Technologien zusammen, so durchsuchen zukünftig intelligente Systeme das Netz und stellen Inhalte in beliebigen Formaten zusammen: als kuratierte Listen, als Bücher („Erstes computergeneriertes Buch publiziert“, Deutschlandfunk, 11. April 2019), als Audios („Text-to-Speech“), als Videos („LumièreNet: Lecture Video Synthesis from Audio“, Cornell University, 4. Juli 2019), alles in beliebigen Sprachen.
Kyle Wiggers, Venture Beat, 5. Juli 2019 

Bildquelle: LumièreNet (Vimeo)

KI-basierte, adaptive Lernumgebungen

Künstliche Intelligenz, adaptives Lernen und personalisierte Lernumgebungen. Das sind aktuelle Schlagworte, die in keinem Trendbericht fehlen. Von daher ist der Beitrag von Christoph Meier, der uns einen Überblick bietet und der einmal genauer hinschaut, was hinter diesen Konzepten steckt, wie sie funktionieren und wo sie angewendet werden, begrüßenswert.

Was habe ich aus der Lektüre mitgenommen?

a) eine Definition: „KI-basierte, adaptive Lernumgebungen sind Lernumgebungen, die sich in Echtzeit an die Benutzer und ihren Lernstand anpassen.“

b) eine Unterscheidung: Adaptive Lernumgebungen arbeiten mit Informationen über das jeweilige Wissensgebiet und die entsprechenden Lernobjekte, mit Informationen über Lernpfade und Feedbackprozesse sowie mit Informationen über die Lernenden selbst, ihr Vorwissen und ihr Lernverhalten (Domänen-Modell, Tutorielles Modell, Lernenden-Modell).

c) verschiedene Beispiele: Wir kennen möglicherweise bereits adaptive Lernumgebungen (vielleicht arbeiten wir sogar schon mit ihnen!), wenn wir an Lernkarteikartensysteme, Sprachlern-Apps oder Plattformen für kuratierte Lerninhalte denken. Adaptive Lernplattformen bzw. intelligente tutorielle Systeme, die im Mittelpunkt des Beitrages von Christoph Meier stehen, werden uns dagegen in der Praxis seltener begegnen.

d) bestehende Grenzen:
– Die Beispiele adaptiver Lernumgebungen kommen, wen wundert’s, vor allem aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich.
– In den vorgestellten Szenarien adaptiver Lernumgebungen spielen das Lernen in Gruppen und der Austausch mit Lehrenden und Lernenden (abgesehen von konkreten Feedbacks auf Ergebnisse oder Entscheidungen) keine explizite Rolle.
– Die konkreten Handlungshinweise am Ende des Beitrags („So gehen Sie vor!“) kann ich nicht einordnen. Macht es Sinn, als Bildungsexperte oder als L&D-Team eine entsprechende Plattform zu planen und zu entwickeln? Oder würde man nicht eher auf einer bestehenden Lernumgebung aufsetzen?
– Wie kann die Rolle der Lernenden im Umgang mit adaptiven Lernumgebungen gestärkt werden? Wie kann die „große“ Diskussion um KI und Algorithmen auch im „besonderen“ Feld der Bildung und Weiterbildung abgebildet werden? Offenheit, Transparenz, Werte und Teilhabe sind hier Stichworte. Datenschutz ein anderes. Christoph Meier klammert diese Stichworte in seinem Beitrag weitgehend aus.
– Wie gesagt, in den geschilderten Beispielen geht es häufig um Wissensgebiete, die (relativ) klar strukturiert sind: Mathematik, Sprachen. Ich will jetzt gar nicht groß nach „Kompetenzen“ fragen, die hier erworben werden können. Ich wäre schon neugierig zu erfahren, wie zum Beispiel eine adaptive Lernumgebung für das Feld der Politikwissenschaften oder der politischen Bildung aussehen könnte …

Christoph Meier, in: Karl Wilbers & Andreas Hohenstein (Hrsg.): Handbuch E-Learning. Köln: Deutscher Wirtschaftsdienst (Wolters Kluwer Deutschland). 80. Erg.-Lfg. April 2019 (via scil)

Bildquelle: beck-shop.de

„Bereits in drei bis fünf Jahren werden Methoden der Künstlichen Intelligenz die Hochschulbildung verändert haben“

Im ersten Absatz heißt es: „Das Projekt der FernUniversität in Hagen will mit maschinellem Lernen und wissensbasiertem Expertensystem individuelles Lernen und Studienorganisation unterstützen“. Im einen Fall geht es also darum, Studierende gezielt bei der Erschließung ihrer Studieninhalte zu helfen. Im anderen Fall will man mit KI erkennen, wann Studierende drohen, den Anschluss zu verlieren und wo man gegensteuern kann. Aber, so Claudia de Witt, man steckt noch in der ersten, der Forschungsphase, und vom Ziel eines digitalen Assistenten wie dem berühmten Knowledge Navigator von Apple sei man noch weit entfernt. Andererseits sind „drei bis fünf Jahre“ nicht mehr so lange hin … 
Christine Schumann, Gespräch mit Claudia de Witt, Deutscher Bildungsserver, 1. Juli 2019

Bildquelle: knownav (YouTube)

Trendstudie 2019 des Wuppertaler Kreises

Im aktuellen Trendbericht (29 S.) des Wuppertaler Kreises (Bundesverband betriebliche Weiterbildung) geht es natürlich darum, wie die Branche die wirtschaftliche Lage einschätzt (überwiegend positiv, wenn auch nicht euphorisch). Aber auch die Digitalisierung ist hier angekommen und im Kapitel „Trends“ ein zentrales Thema.

So bilden zum Beispiel die „IT-Kompetenzen und digitale Kompetenzen“ (Platz 1), „Veränderungsmanagement“ (2), „Führung von virtuellen bzw. standortübergreifenden Teams“ (3) und „agile Methoden in der Führung“ (4) die Schwerpunkte in der Führungskräfte-Weiterbildung.

Die Bereitstellung von Selbstlerneinheiten, Online-Tests und Videos sind heute wichtige Bestandteile des Angebotsspektrums vieler Mitglieder des Wuppertaler Kreises.

Mit Blick auf die eigenen Geschäftsmodelle steht ganz oben: „Für Weiterbildungsunternehmen ist die eigene Digitalisierung ihres Produktspektrums unabdingbar.“

Und dann wurden die Mitglieder noch nach der Zukunft von Bildungsplattformen für die Bereitstellung und Vermarktung von digitalen Angeboten und Dienstleistungen gefragt (s. Abbildung). Eine Plattform in öffentlicher Trägerschaft, wie es mit MILLA angedacht war, wird dabei klar abgelehnt.

Wuppertaler Kreis, Juli 2019

1. Lern Rock Camp 2019 in München 25.06.2019 (das Camp zu lernOS)

Einiges steht schon im Titel. Daniel Stoller-Schai war jedenfalls auf dem lernOS Rockstars Camp in München und hat seine Eindrücke (und Fotos!) gleich verarbeitet. Es beginnt mit einer kurzen Beschreibung von lernOS („… ein Betriebssystem für Lebenslanges Lernen und Lernende Organisationen“). Dann hat er in Wort und Bild noch einmal das Programm des Tages zusammengefasst: Impulsreferate, BarCamp-Sessions und Assemblies. Nicht zu vergessen den Dank an Simon Dückert, den Spiritus Rector hinter Betriebssystem und Camp. Dazwischen sein Fazit, aus dem ich zwei Punkte herausgreife:

„1. Solche Anlässe tragen dazu bei, dass das Netzwerk im DACH-Raum, welches aus Menschen besteht, die bereit, sich und ihre Organisationen zu verändern, wächst. Die Gespräche vor, während und nach den Programmteilen bildeten darum einen wesentlichen Bestandteil dieses 1. lernOS RockStars Camp.

3. Es ist nicht einfach in der Vielzahl der Methoden den Überblick nicht zu verlieren (vgl. z.B. den Artikel „Souveränität im Methodenwahn“ von Sabine Dietrich in „ManagementSeminar“, Juli 2019, S. 70-76 sowie ihr Buch dazu). lernOS ist ein fundierter Ansatz – es gibt daneben aber noch viele andere Modelle und Methoden. Es kann dazu führen, dass ein ständiger Modell- und Methodenwechsel dazu führt, dass eine Organisation nicht wirklich oder nur ansatzweise verändert wird und verleitet werden kann, wieder in altbekannte Muster und Handlungsweisen zu verfallen.“
Daniel Stoller-Schai, LinkedIn/ Pulse, 26. Juni 2019

Google Beefs up Classroom, Begins Certifying Students

Auch Google setzt auf Bildung. Der Artikel fasst zusammen: „Google announced enhancements to Classroom, a new Chromebook App Hub, and certification program for students. These updates should lead to more robust learning tools for both teachers and their students.“ Es folgt ein kurzes Update der einzelnen Aktivitäten. Das sollte man im Auge behalten. Es geht dabei nicht nur um Lerntechnologien, sondern um eine wachsende Zahl von Online-Kursen und Zertifikaten (siehe „Google’s Growing IT Certificate“, Inside Higher Ed).
Getting Smart Staff, Getting Smart, 26. Juni 2019

Education in 2030

Eine sehr interessante Studie (61 S.), die die Experten von Holon IQ („a global education intelligence platform“) hier vorgelegen! Im Mittelpunkt stehen fünf Bildungs-Szenarien, die 2030 möglich sind: „education as usual“, „global giants“, „regional rising“, „peer-to-peer“ und „robo revolution“. Sie stellen unterschiedliche Kombinationen einzelner Treiber dar (Globalisierung, Bevölkerungswachstum, Wirtschaft, Zukunft der Arbeit usw.) und werden ausführlich beschrieben.

  • Education-as-Usual. Traditional education institutions remain the trusted source of learning and the most effective vehicle for jobs and prosperity. Higher education consolidates, global talent platforms emerge and government remains the core source of funding around the world.
  • Regional Rising. Regional alliances dominate the competitive education landscape, supported by strategic and political cooperation. Cooperative blended delivery and regional talent hubs cross-load labor supply and demand strengthen regions.
  • Global Giants. This global free market environment has fostered the emergence of „mega-organizations“ with ubiquitous brand recognition and the scale to achieve significant efficiences and industry power.
  • Peer-to-Peer. Learning online through rich, personalized human to human experiences dominates the post-secondary and skills training sectors. Blockchain technology fundamentally reconfigures credentialing and unlocks the collective creativity and IP of teachers.
  • Robo Revolution. AI drives a complete reversal in „who leads learning“, with virtual tutors and mentors structuring learning paths, providing assessment tasks, giving feedback, adjusting according to progress and organizing human tutoring when needed.“

Dafür haben die Experten Informationen „top down“ – zum Beispiel aus Studien von World Bank und OECD – und „bottom up“ – gewonnen aus Artikeln, Blogposts, Kommentaren und weiteren Quellen – ausgewertet. Neben den Szenarien werden in einzelnen Kapiteln „global drivers“ und „global learning & teaching“ beschrieben und mit Schaubildern visualisiert. So gibt es zum Beispiel kurze Schlaglichter zum LMS und zu MOOCs.
Holon IQ, 6. Juni 2019

 

eduTrends: Alternative Credentials

Einen guten Überblick über die neuen Währungen, die sich auf dem Bildungsmarkt breit machen, haben die Experten des Observatory of Educational Innovation aus Monterrey hier zusammengetragen (50 S.). Systematisch skizzieren sie zuerst die gesellschaftlichen Treiber („Vierte Industrielle Revolution“) und den daraus resultierenden neuen Blick auf Bildung und Lernen („from a four-year degree to a lifelong education“). Anschließend führen sie uns in den MOOC-Markt, mit etwas Geschichte und kurzen Profilen der großen Anbieter.

Das Herzstück dieser Studie bildet das Kapitel „What are Alternative Cedentials?“ „Alternative credentials refer tothe competencies, skills, andlearning outcomes derived from assessment-based, non-degree activities and align to specif ic and timely needs in the workplace.“ (S. 24)

Die folgende Klassifikation umfasst drei Kategorien: 1) Labor Market Training and Credentialing, 2) MOOCs and Other Online Microcredentials, 3) Competency-Based Education Programs.

Es folgen Beispiele (vor allem) amerikanischer Hochschulen, die auf dem Markt alternativer Zertifikate bereits aktiv sind, sowie einiger Unternehmen wie IBM, die die Badge-Plattform von Acclaim einsetzen. Dann das obligatorische Kapitel über die Bedeutung der Blockchain sowie ein abwägender Ausblick. Ein ausführliches Literaturverzeichnis. Lesenswert.

„Education institutions with the ability to adapt to this new reality will stand out when faced with the imminent transformation of the world of training. The growing supply of alternative credentials must not be seen as a threat to traditional degrees; on the contrary, we hope that this transformation contributes to the evolution of degree programs and to remove access barriers. Traditional degrees and alternative credentials may and will have to coexist and learn from each other, strengthening learning opportunities for society.“ (S. 45)
Observatory of Educational Innovation,  Tecnológico de Monterrey, Mai 2019