Vom Unbehagen mit „den Bibliotheken‟ von Aat Vos

Sind die neuen Bibliotheken vielleicht gar nicht so offen, wie alle meinen, sondern vor allem für den Geschmack einer gut-situierten Schicht gebaut? Ähneln sie nicht alle höherpreisigen Coffeeshops und Co-Workingspaces? Braucht es für die Entwicklung von Bibliotheken vielleicht etwas weniger Design und Design Thinking und etwas mehr Soziologie bzw. den soziologischen Blick?

Diese und weitere Fragen stellt der Bibliothekswissenschafter Karsten Schuldt. Das laute Nachdenken führt ihn zu Pierre Bourdieu, Henri Lefebvre, Jürgen Habermas und Ray Oldenburg. Lesenswert!

„Zusammengefasst: Ich habe ein grossen Unbehagen mit den neu gebauten Bibliotheken, die aktuell durch die bibliothekarischen Publikationen als neu und zukunftsweisend gereicht werden. Und mit etwas Theorie scheint mir das Unbehagen mehr als eine rein subjektive Abneigung. Mir scheint sogar, ungewollt aber doch real, hat man hier Räume gebaut, die noch mehr ausgrenzen, als man das schon von „langweiligen Bibliotheksräumen‟ vermutet hat. Stimmt das? Das müsste empirisch überprüft werden. (Aber man kann es erst überprüfen, wenn man den Verdacht äussert und zeigt, wieso es so sein könnte – was ich hier versuche.)“ (via Joachim Sucker)
Karsten Schuldt, Bibliotheken als Bildungseinrichtung, 19. Juni 2019

Bildquelle: geralt (pixabay)

Can Khan Academy Scale to Educate Anyone, Anywhere?

Die Case Study-Methode ist ja das Herzstück von Harvard. Bill Sahlman hat jetzt eine Case Study über die Khan Academy geschrieben, gegründet 2007 von Salman Khan und eine der erfolgreichsten Lernplattformen weltweit. Ihre Mission: „… to provide a free world-class education for anyone, anywhere.“ Es ist die zweite Case Study über die Khan Academy. Die erste wurde 2012 veröffentlicht, und die zweite beschäftigt sich mit der Entwicklung eines kleinen Teams von enthusiastischen Pionieren, allen voran Salman Khan, zu einer Company mit 180 Mitarbeitern. Kurz: Es geht um „Scaling“, um strategisches Handeln und die Einführung von Strukturen und Prozessen. Dafür kam Ginny Lee an Bord, erfolgreiche Managerin in einem Software-Unternehmen.

Die Case Study kostet 8,95 Dollar, aber das ausführliche Interview mit Bill Sahlman steht als Text und Podcast offen im Netz.
Brian Kenny, Interview mit Bill Sahlman, Harvard Business School Working Knowledge, 18. Juni 2019

Nationale Weiterbildungsstrategie

Auf 23 Seiten haben BMAS und BMBF jetzt ihre „Nationale Weiterbildungsstrategie“ beschrieben. Nichts weniger als eine „neue Weiterbildungskultur“ soll in Deutschland entstehen: „Die Weiterbildungsstrategie formuliert Antworten auf den Wandel der Arbeitswelt und gibt Impulse für eine neue Weiterbildungskultur in Deutschland, die die selbstbestimmte Gestaltung individueller Bildungs- und Erwerbsbiografien und die gestiegene Verantwortung der Weiterbildungsakteure unterstreicht.“

Diese Impulse werden in zehn Handlungszielen zusammengefasst. Die Handlungsziele sind zum Teil bereits mit konkreten Maßnahmen verbunden. Verbindliche Zeitpläne für die Umsetzung einzelner Maßnahmen sollen ab Herbst erarbeitet werden. Im Juni 2021 will man prüfen, wo man mit der neuen Weiterbildungskultur steht. Hier die Handlungsziele:

„1. Die Transparenz von Weiterbildungsmöglichkeiten und -angeboten unterstützen …
2. Förderlücken schließen, neue Anreize setzen, bestehende Fördersysteme anpassen …
3. Lebensbegleitende Weiterbil-dungsberatung flächendeckend vernetzen und Qualifizierungsberatung insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen stärken …
4. Die Verantwortung der Sozialpartner stärken …
5. Die Qualität und Qualitätsbewertung von Weiterbildungsangeboten prüfen und stärken …
6. Erworbene Kompetenzen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in der beruflichen Bildung sichtbar machen und anerkennen …
7. Fortbildungsabschlüsse und Weiterbildungsangebote entwickeln …
8. Bildungseinrichtungen als Kompetenzzentren für berufliche Weiterbil-dung strategisch weiterenwickeln …
9. Das Personal in der Weiterbildung stärken und für den digitalen Wandel qualifizieren …
10. Die strategische Vorausschau stärken und die Weiterbildungssta-tistik optimieren …“

MILLA („Modulares Interaktives Lebensbegleitendes Lernen für Alle“), das Konzept der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, das seit seinem Erscheinen im November 2018 für Diskussionsstoff sorgte, ist jetzt – so meine Lesart – Teil der Weiterbildungsstrategie. Zumindest lässt das folgende „Transparenz“-Ziel eine große Nähe zur unsprünglichen Idee erkennen:

„Das BMBF wird nach bewährter Konsultation mit Wirtschafts- und Sozialpartnern und Ländern mit seinem geplanten Innovationswettbewerb „Digitale Plattform Berufliche Weiterbildung“ interaktive Lernplattformstrukturen entwickeln, die die individuellen Möglichkeiten, passgenaue Weiterbildungsangebote zu erhalten, erweitern und erleichtern und die kompatibel mit nationa-len und europäischen Initiativen (z. B. Europass) ausgestaltet werden und bestehende relevante Plattformen einbeziehen sollen.“

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Juni 2019 (pdf)

Nur locker bewölkt: Warum die Schul-Cloud in Deutschland nicht vom Fleck kommt

Ulrich Schmid (mmb Institut) ist in seiner Analyse hin- und hergerissen: Auf der einen Seite kann er es gut nachvollziehen, dass die Bundesländer gegenwärtig eher auf eigene Lösungen setzen, als sich unter einer zentralen Schul-Cloud zu versammeln. Man gibt schließlich Steuerungsmöglichkeiten ab.

Auf der anderen Seite sieht er die Chancen, denn „eine solche bundesweite Plattform [würde] Nutzungs- und Nutzerdaten in großer Menge generieren, sprich „Big Data“. Dadurch würden auch KI-basierte Services möglich, etwa für das „adaptive“ und „predictive learning“ sowie für die pädagogische Analyse und individuelle Beratung.“

Letztendlich plädiert er nicht zuletzt deshalb für einen schnellen und einheitlichen Weg zur digitalen Schule.
Ulrich Schmid, Bertelsmann Stiftung/ Digitalisierung der Bildung, 7. Juni 2019

Bildquelle: Alex Machado (Unsplash)

L&Dpro BarCamp: Fachmesse zu einem Lernevent gemacht?

Kann man Messe mit BarCamp kombinieren? Die großen Messeveranstalter experimentieren ja gerne mal in irgendwelchen Ecken mit neuen Formaten, einer Blogger Lounge hier, einem Mini-Camp dort. Im vorliegenden Fall hat eine Messe, die neue L&Dpro in München, mit der Corporate Learning Community (CLC) kooperiert, um die Integration beider Formate zu testen. Karlheinz Pape geht für die CLC noch einmal auf die Ziele des Experiments ein („Den Austausch unter den Besuchern anregen, das Voneinander-Lernen auf einer Fachmesse etablieren“) und beschreibt, was vor Ort passiert ist. Sein Fazit:

„Ja, das Fomat passt auch auf eine Messe. Mit 25% der Messe-Besucher wurde das BarCamp auch als attraktiv angesehen. Die zentrale Kommunikations-Plattform für die Besucher ist es aber noch nicht. Deshalb muss ein nächstes Messe-BarCamp zentraler sichtbar und zeitlich abgestimmt mit den übrigen Vorträgen laufen. Aber für den Versuch sind wir dankbar!“

Bildquelle: Karlheinz Pape

Karlheinz Pape, Corporate Learning Community, 19. Mai 2019

Interview mit Prof. Back von Learning Insights zur Lernkultur

Andrea Back von der Universität St. Gallen erläutert in diesem Gespräch, warum die 4 P’s – Projects, Peers, Passion, Play – aus ihrer Sicht die zentralen Gestaltungsprinzipien einer neuen Lernkultur darstellen (ich verlinke hier gleich einen Artikel von Mitchel Resnick („GIVE P’S A CHANCE: PROJECTS, PEERS, PASSION, PLAY“), auf den sie verweist). Diese Lernkultur soll sich auch im neuen HSG Learning Center widerspiegeln, das 2022 in Betrieb genommen werden soll. Ein weiteres Thema dieses Gesprächs.
Andrea Back im Gespräch mit Peter Littig, Newsblog Lehrstuhl Prof. Dr. Andrea Back, 16. Mai 2019

Bildquelle: HSG Stiftung

„Open Educational Practices sind viel mehr als nur der Einsatz von Open Educational Resources“

Eine zentrale Botschaft dieses Interviews steht im Titel. Es geht darum, Open Educational Practices, also offene Bildungspraktiken, weiter zu denken und nicht ausschließlich und unmittelbar an den Einsatz von frei lizensierten Bildungsmaterialien zu knüpfen. Kerstin Mayrberger, Professorin für Lehren und Lernen an der Hochschule an der Universität Hamburg:

„Bei offenen und partizipativen Lehr- und Lernformen, und das bedeutet Open Education Practices letztendlich, geht es im Kern um Demokratiebildung. Lernende machen die Erfahrung, dass es nicht die eine richtige Antwort auf eine Frage gibt, sondern dass man sich gemeinsam über eine Lösung verständigen kann. Und dass es Fragen gibt, die zum kritischen Denken anregen und ein kreatives Problemlösen provozieren. Lehrende und Lernende begeben sich in eine Struktur, in der Inhalte und Lösungen gemeinsam erarbeitet werden.“
Schumann, Interview mit Kerstin Mayrberger, bildungsserver blog, 13. Mai 2019

Die Lösung für (bzw. gegen) die Q&A-Minuten am Ende von Vorträgen …

Die Frage, wie man die klassischen Konferenz- und Vortragsformate attraktiver und interaktiver gestalten kann, ist ein Dauerbrenner. Schließlich sind zum Beispiel auch BarCamps genau aus dieser Diskussion heraus entstanden. Jöran Muuß-Merholz hat jetzt einen Vorschlag, wie man die stereotypen Q&A-Minuten nach Vorträgen anders gestalten könnte. Er schlägt „Meet-your-Speaker-Ecken“ vor:

„Das Vorgehen ist einfach: Der Referent darf seine Redezeit voll ausnutzen. Dafür begibt er sich im Anschluss an den Vortrag an einen für Fragen und Austausch vorgesehenen Ort, an dem interessierte Menschen ihn treffen können.“

Mir gefällt die Idee. Und auch auf der re:publica 2019 scheint die Resonanz positiv gewesen zu sein.
Jöran Muuß-Merholz, J&K – Jöran und Konsorten, 10. Mai 2019

Bildquelle: Jöran Muuß-Merholz (CC BY 4.0)

To Improve Education – Focus on Pedagogy Not Technology

Zugegeben, der Ruf „Focus on Pedagogy Not Technology“ ist nicht besonders neu oder originell. Aber Mike Sharples (Open University/ UK) verbindet ihn mit dem Hinweis auf die „‚big four‘ overarching pedagogies“: „feedback for learning, cooperative learning, visible learning and personalized learning“. Diese Prinzipien sollten auch, so der Autor, den Einsatz neuer Bildungstechnologien leiten. Eine gute Strukturierungshilfe, wie ich finde.

„Giving a student immediate feedback on performance, especially in online learning, is one of the most effective ways of improving retention and exam scores. Cooperative learning – through group projects and collaborative research – is the great success story for education of the past fifty years. It works best when students have shared goals, know when and how to contribute, share rewards, and can reflect on their progress. Visible learning involves students setting explicit goals, the teacher seeing how each student is progressing, and each student understanding what the teacher requires. Personalized learning works best when students have group as well as personal tasks, the classroom is designed to support personalized acitivty, and students can discuss their performance.“

Mehr von Mike Sharples gibt es auf der Online Educa, der OEB2019. Oder in seinem neuen Buch: „Practical Pedagogy: 40 New Ways to Teach and Learn“. Ich habe es mal auf meine Leseliste genommen.
Mike Sharples, oeb Insights, 10. Mai 2019

OECD Skills Outlook 2019

In der Zusammenfassung dieser aktuellen OECD-Studie wird betont, wie wichtig es ist, dass alle Bevölkerungsgruppen von den Möglichkeiten und dem Potenzial der Digitalisierung profitieren. Es geht um Kompetenzen und Kompetenzentwicklung. Investitionen in Bildung und Bildungssysteme sind notwendig. Ein Scoreboard zeigt an, wo die einzelnen OECD-Länder heute stehen und wie sie auf die Herausforderungen vorbereitet sind.

Unter dem Stichwort „Strategien zur Kompetenzentwicklung“ hebt die Zusammenfassung dann folgende Punkte hervor:
– Die Digitalisierung bringt viele neue Lernmöglichkeiten mit sich.
Hier heißt es: „Open Education und frei zugängliche Massen-Online-Kurse (Massive Open Online Courses – MOOC) bieten neue Möglichkeiten, Wissen zu erwerben und zu verbreiten sowie ein Leben lang Kompetenzen weiterzuentwickeln. Hochqualifizierte Erwachsene mit hohem Bildungsabschluss nutzen MOOC jedoch nach wie vor mit größerer Wahrscheinlichkeit als geringqualifizierte Erwachsene, d. h. deren Kompetenzentwicklungspotenzial könnte noch stärker ausgeschöpft werden.“

– Politikmaßnahmen müssen lebenslanges Lernen in sämtlichen Lebensbereichen für alle fördern.
– Politikmaßnahmen müssen auch die räumlichen Folgen der Digitalisierung mildern.
– Die Politikanstrengungen müssen koordiniert werden.

Überhaupt fällt auf, dass die Stichworte „Open Education“ und „MOOCs“ gleich zweimal fallen. Mehr gerne nach einem Blick in die Studie (350 Seiten).
OECD iLibrary, 9. Mai 2019