Mein Wochenausklang: Dritte Orte

Manchmal hört man einen Begriff ein paar Mal, aber weil er sich nicht umstandslos in das eigene Gedankengebäude einbauen lässt, lässt man ihn vorbeiziehen. So ging es mir mit dem „Dritten Ort“. Jetzt hat Christoph Köck auf Facebook einen Artikel von Aat Vos verlinkt mit dem einladenden Titel „Warum Bibliotheken ein Dritter Ort für alle werden sollten“. Den habe ich gelesen, bin neugierig geworden und noch eine Weile am Thema drangeblieben.

Nach einigen Klicks wusste ich, dass Ray Oldenburg, ein amerikanischer Soziologe, für den Begriff verantwortlich ist. Schon 1989 in „The Great Good Place“ unterscheidet er den „first place“ (unser Zuhause), den „second place“ (unseren Arbeitsplatz, das Büro) und eben die „third places“, Orte, an denen man zusammenkommt, sich zwanglos trifft und wohlfühlt. Als Beispiele für solche „third places“ werden immer wieder Cafés, Clubs, Büchereien und Bibliotheken genannt. Starbucks ist übrigens so ein „third place“, auf den viele Schreiber gerne verweisen. Auch Aat Vos in seinem Aufruf an die Bibliotheken.

Im Rahmen meiner Kurzrecherche bin ich dann auch auf Aufzählungen von Merkmalen von Third Places gestoßen. Zum Beispiel die Folgende, die Wikipedia Ray Oldenburg zuschreibt: „Free or inexpensive; Food and drink, while not essential, are important; Highly accessible: proximate for many (walking distance); Involve regulars – those who habitually congregate there; Welcoming and comfortable; Both new friends and old should be found there“.

Aber dann wird es in vielen Artikeln schnell bunt: Third Places sind mal „Orte des Analogen“, mal „Coworking Spaces“, mal „Orte des Transits“ oder gar virtuelle Third Places. Auch den „Vierten Ort“, eine Kombination aus 1,2 und 3, habe ich gefunden. Kurz: Viele fühlen sich offensichtlich eingeladen, den Begriff „Third Places“ mit ihren eigenen Ideen und Anliegen zu füllen. Was sicher auch damit zu tun hat, dass sein Ursprung noch in einer anderen Zeit, vor dem Internet und der Vernetzung, liegt.

Also denke ich einfach mal mit. Auf der einen Seite finde ich die Idee sehr charmant (aber wahrscheinlich ist „wichtig“ hier angebrachter), einen Ort in der Nachbarschaft zu haben, wo man hingehen kann, zwanglos und informell, um „draußen“ zu sein, in der Community und mit der Möglichkeit, sich auszutauschen. Und natürlich denke ich dabei auch an Volkshochschulen, Bibliotheken und Buchläden, zentrale Plätze. Ich wohne in Enkheim, einem Stadtteil am Rand von Frankfurt, und ich wüsste jetzt auf Anhieb nicht, wo in Fußnähe ein solcher Dritter Ort wäre. Ein Café und zwei Sportvereine kommen der Idee noch am nächsten. Aber ich will jetzt keinen Beitrag zur Stadt(teil)entwicklung schreiben.

Denn ich starte ja gedanklich meist beim Digitalen und überlege beim Stichwort „Dritte Orte“, dass gerade das tägliche Arbeiten im Netz, das Homeoffice, das Netzwerken, das Online-Kommunizieren und -Lernen, solche Dritte Orte immer wichtiger machen. Auch, um sich über Erfahrungen und Erlebnisse im digitalen Raum auszutauschen. MOOCs eingeschlossen. Ich kann und will das Stichwort jetzt hier nicht abschließen, sondern werde die Idee im neuen Jahr bei passender Gelegenheit wieder aufnehmen. Dritte Orte als Lernorte …

Bildquelle: Fabio Pozzebom/ABr (Wikipedia, CC BY 3.0 br)

Leitfaden E-Learning: Digitale Lern­angebote kennen und nutzen

Das ist natürlich wirklich eine Herausforderung: in Zeiten, in denen die Grenzen zwischen online und offline verschwimmen und in denen sich Hunderte von Tools und Formaten im Netz tummeln, noch „E-Learning“ zu erklären. Aber es ist den Machern dieses Leitfadens ganz gut gelungen.

Es gibt einen kurzen Einstieg, der die neuen Chancen betont, die die Digitalisierung bzw. E-Learning für das lebenslange Lernen bieten. Dann werden sechs Formen des E-Learning vorgestellt: Lernsoftware (Webbased Training), Onlinekurse („Im Inter- oder Intranet“), MOOCs („Wie an der Uni“), Videotraining („In kleinen Häppchen“), Apps („Lernen unterwegs“) und Blended Learnig („Mit Präsenzphasen“). Dann folgt noch ein Kapitel zum informellen Lernen und den Möglichkeiten, sich selbst mithilfe von Online-Videos, Blogs, Wikis und sozialen Netzwerken schlau zu machen. That’s it. Drumherum noch einige kurze Tipps und Aufzählungen.
Stiftung Warentest, 30. November 2017

How Independent Bookstores Have Thrived in Spite of Amazon.com

Der überraschende Befund: „Between 2009 and 2015, the ABA [American Booksellers Association] reported a 35 percent growth in the number of independent booksellers, from 1,651 stores to 2,227.“ Ryan Raffaelli (Harvard Business School) hat sich auf eine umfassende Spurensuche begeben. Nach Auswertung seiner Feldstudien sieht er die Ursache für das Wiederaufleben der Buchläden in den “3 C’s”:

  • community: „Independent booksellers were some of the first to champion the idea of localism; … by stressing a strong connection to local community values.“
  • curation: „Independent booksellers began to focus on curating inventory that allowed them to provide a more personal and specialized customer experience. …“
  • convening: „Independent booksellers also started to promote their stores as intellectual centers for convening customers with likeminded interests—offering lectures, book signings, game nights, children’s story times, young adult reading groups, even birthday parties. …“

Verstärkend kam hinzu, dass die ABA den Erfahrungsaustausch der Independent Booksellers aktiv unterstützte. Das Resümee des Feldforschers dürfte auch die Buchhandlungen, Bibliotheken und Volkshochschulen hierzulande interessieren:

“The theoretical and managerial lessons we can learn from independent bookstores have implications for a wide array of traditional brick-and-mortar businesses facing technological change,” Raffaelli says. “But this has been an especially fascinating industry to study because indie booksellers provide us with a story of hope.”

Carmen Nobel, Harvard Business School/ Working Knowledge, 20. November 2017

Bildquelle: Pj Accetturo (Unsplash)

„Ich setze mich für eine digitale Volksbildung ein“

Wenn Joachim Sucker hier von der „Digitalisierung an Volkshochschulen“ spricht, dann beschreibt er einen andauernden Prozess, der vielleicht 2013 begonnen hat und jetzt langsam Fahrt aufnimmt. Seine Stationen lauten vhsMOOC und ichMOOC, ein Strategiepapier „Erweiterte Lernwelten“, ein Volkshochschultag, Digicircles, eine Blogwerkstatt und jetzt, ganz aktuell, die vhs.cloud, die „digitale Lern- und Arbeitsumgebung für die Volkshochschulen in Deutschland“. Inklusive Lernplattform, Videokonferenzsystem und Mediathek. Joachim Sucker erzählt aber auch, dass das Thema nicht an allen Volkshochschulen auf offene Türen trifft. Es gibt das ganze Spektrum: von den Ablehnenden bis zu den Machern, die bundesweit erste Webinare anbieten und „nach neuen öffentlichen Lernorten suchen“, was immer das auch im Einzelnen heißen mag.
Petra Schraml, Interview mit Joachim Sucker, Deutscher Bildungsserver/ Bildung + Innovation, 9. November 2017

Berufstätige sehen sich nicht für digitale Arbeitswelt gerüstet

Es geht um unsere digitalen Kompetenzen und das lebenslange Lernen. Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) hat eine repräsentative Umfrage durchführen lassen, um etwas über den Stand der Dinge zu erfahren. Die wichtigsten Ergebnisse, die ich mir aus Presseinformation und Foliensatz herausgesucht habe:

  • „Drei Viertel sehen Digitalkompetenz als neue Kernkompetenz“
  • „Die meisten Berufstätigen sehen sich nicht optimal für die digitale Arbeitswelt gewappnet“
  • „Sieben von zehn haben im Job keine Zeit für Weiterbildungen“

Ich überspringe an dieser Stelle einmal die weiteren Details. Denn Umfragen dieser Art sollen und wollen nicht klären, was genau unter digitalen Kompetenzen zu verstehen ist und wo ihre Vermittlung oder Entwicklung anfängt. Es sind vor allem Appelle …

„Der Bitkom fordert eine Initiative von Politik und Wirtschaft, um lebenslanges und informelles Lernen zu stärken. In der beruflichen Weiterbildung sollten die Angebote kontinuierlich verbessert und an die sich wandelnden Anforderungen der Digitalisierung angepasst werden. Für Weiterbildungsangebote zu digitalen Kompetenzen sollten staatliche Programme aufgelegt werden. Die Vermittlung von Digitalkompetenz muss zudem über die gesamte Bildungskette hinweg in den Vordergrund rücken. Um die Bereitschaft zu Weiterbildungen zu erhöhen, sollten für Unternehmen und Erwerbstätige gezielt Anreize geschaffen werden, etwa durch Steuererleichterungen. Neben der Politik seien auch die Unternehmen gefordert, …“

Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM), 17. November 2017

Lernen Bildungsferne lieber offline?

Ein Teufelskreis: Bildungsanbieter laden in Seminare und Workshops ein und lassen sich von zufriedenen Teilnehmern bestätigen, dass sie lieber vor Ort zusammenkommen als einen Online-Kurs bearbeiten. So wird das natürlich nichts mit der Digitalisierung in der Weiterbildung, meint Ulrich Schmid (MMB-Institut für Medien- und Kompetenzforschung), und stellt folgende Fragen:

  • Haben Bildungsanbieter wirklich systematisch geprüft, welche Programme sich fachlich und didaktisch besser offline als online durchführen lassen?  Oder hängt man oft nur an bewährten Geschäftsmodellen?
  • Können bestimmte Ziele wie die Entwicklung digitaler Kompetenzen überhaupt durch Offline-Schulungen erreicht werden?
  • Kann man in der heutigen Arbeitswelt überhaupt auf effiziente Online- und OnDemand-Dienste verzichten?

Vor diesem Hintergrund sollte jeder Bildungsanbieter, so Ulrich Schmid, sein bestehendes Portfolio auf den Prüfstand stellen. Bevor andere es tun. Didaktische wie geschäftliche Potenziale sind in jedem Fall da.
Ulrich Schmid, Digitalisierung der Bildung/ Bertelsmann Stiftung, 15. November 2017

The Case(s) Against Personalized Learning

Die USA sind in der Regel einen Schritt weiter: in der Entwicklung von EdTech, in der Implementierung von EdTech in Schulen und Hochschulen und in der kritischen Auseinandersetzung mit der neuen Praxis und ihren Folgen. Das betrifft auch „personalized learning“, das ja gerne als zentrales Versprechen der Digitalisierung der Bildung gehandelt wird.

„Wissen digital zugänglich zu machen ist ein wichtiger Schritt der Bildungsrevolution. Der nächste heißt Personalisierung.“ (Jörg Dräger/ Ralph Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsevolution, 2015, S. 61)

Trotzdem stehen wir noch am Anfang der Entwicklung. Das heißt, auch um Grundsätzliches wie Begriffe und Deutungen wird noch gestritten. Der vorliegende Artikel gibt drei Einwänden Raum:
Argument#1: The Hype Outweighs the Research („The evidence base is very weak at this point“, John F. Pane)
Argument #2: Personalized Learning is Bad for Teachers and Students („It’s behaviorism on a screen“, Alfie Koon)
Argument #3: Big Tech + Big Data= Big Problems („When Facebook promises personalization, it’s really about massive data collection“, Audrey Watters).

Der Artikel wird von weiteren Beiträgen zum Thema begleitet (Special Report: „Personalized Learning: Vision vs. Reality“). Und auch wenn Schulen hier im Mittelpunkt stehen, EdTech und „personalized learning“ sind eine Entwicklung, die keinen Bildungsbereich auslassen wird.
Benjamin Herold, Education Week, 7. November 2017

Es gibt keinen Raum namens „Anywhere“ – woran e-learning scheitert.

Das funktioniert so nicht, meint Jöran Muuß-Merholz, wenn er an die Freiheit denkt, die das Lernen mit digitalen Medien bietet, die Freiheit von Zeit und Raum, das berühmte „Learning Anywhere Anytime!“ Er plädiert deswegen dafür, zuweilen auch über eine „Verknappung von Zeit“ nachzudenken:

„Ich habe die Erfahrung gemacht: Beim Arrangieren von Lehr-Lern-Settings mit (eigentlich) großer zeitlicher Flexibilität sorgt eine künstliche Verknappung der Zeit für mehr Beteiligung.“

Und er wirbt für eine „Verknappung von Raum“: Denn auch im Zeitalter der Digitalisierung „suchen sich Menschen Orte, die sie für sich zu Lernräumen umdeuten“. Zum Beispiel die Bibliothek, das Cafe, die Bahnfahrt. Was dafür spricht, dem Thema „LernRaum“ (wieder) mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Allerdings: Jöran Muuß-Merholz weist selbst darauf hin, warum das Lernen, auch das Online-Lernen, im Alltag häufig scheitert. Dann nämlich, wenn die Dinge „zwar #wichtig, aber nicht #dringend“ sind. Es geht also gar nicht um eine Beliebigkeit, die unmittelbar mit dem Online-Lernen verbunden ist!
Jöran Muuß-Merholz, Jöran & Konsorten, 26. Oktober 2017

Bildquelle: Laëtitia Buscaylet (Unsplash)

Edu Trends | MENTORING

Gibt es eigentlich Informationen darüber, wie es hierzulande dem Thema bzw. dem Konzept Mentoring geht? Gerade im Zusammenhang mit dem Stichwort Medienkompetenz oder Netzkompetenzen höre ich ja immer wieder mal von Unternehmen, die auf Reverse Mentoring setzen und „Alt“ von „Jung“ lernen lassen. Das klassische Mentoring ist dann oft Führungskräfte-Trainings vorbehalten, wo Nachwuchskräften ein erfahrenes Leitungsmitglied an die Seite gestellt wird.

Die Experten des Observatory of Educational Innovation aus Monterrey (Mexiko) sprechen jedenfalls von einem „Boom“, der sie veranlasst hat, diese lesenswerte und ansprechend gestaltete Einführung und Übersicht vorzulegen.

„This edition offers an overview of mentoring as an educational trend, particularly in the field of higher education and entrepreneurship, including the following content:
– A tour of the evolution of mentoring in 10 key moments of history, from classical antiquity to the Digital Era.
– A proposal for the definition of mentoring in contrast to other terms with which it is oen easily confused in academic settings: tutoring, coaching, advising and counselling.
– A range of procedures to evaluate the quality of a mentoring process.
– And more…“

Observatory of Educational Innovation/ Tecnológico de Monterrey, Oktober 2017

Bildquelle: Umschlagbild „Edu Trends | MENTORING“ (pdf)

Ausbildung 4.0: Didaktische Gestaltung der betrieblich-beruflichen Ausbildung in Zeiten der digitalen Transformation

Wie verändert die digitale Transformation den Arbeitsalltag? Welche Kompetenzen werden zukünftig benötigt, um die neuen Anforderungen zu bewältigen? Und was bedeutet das für die Gestaltung von Ausbildungsprozessen und den Einsatz digitaler Medien?

Um diese Fragen zu beantworten, gehen die Autoren im ersten Kapitel den Veränderungen im Beschäftigungssystem nach. Hier kommen Frey/ Osborne und andere Studien zu Wort. Die Diskussion der Frage, welche Kompetenzprofile im digitalen Zeitalter gefragt sind, streifen sie deutlich kürzer. Im zweiten Kapitel widmen sie sich dem Einsatz und der Relevanz von digitalen Lernmedien, zollen aber auch hier der dünnen Datenlage Tribut. Da es sich aber nur um „zuarbeitende“ Kapitel handelt, funktioniert das Drehbuch der Autoren.

Denn im Mittelpunkt steht das LERN-Modell. Es soll helfen, die – mit Blick auf die digitale Transformation – adäquaten „Handlungssituationen 4.0“ wie auch die passenden Medien bei der Entwicklung und Strukturierung von Ausbildungsprozessen auszuwählen. Medien können also aus zwei Perspektiven betrachtet werden: als Bausteine einer Handlungssituation, die auf den zukünftigen Arbeitsalltag vorbereitet, und als Instrumente zur Unterstützung von Lernprozessen. Die Heuristik der Autoren arbeitet mit vier Ebenen („SAMR-Modell“, für die Experten), aber hier verweise ich auf die Grafik und/ oder das Original.
Heinz Gerholz und Markus Dormann, bwp@, Ausgabe Nr. 32, Juni 2017, 15. Oktober 2017 (pdf)