Lerndogmen und Bildungsmythen (1)

Es ist vor allem „das derzeit viel diskutierte 70:20:10 Dogma“, an dem sich Alexander Klier hier ausführlich und gewissenhaft abarbeitet. Ich finde zwar, dass er dabei der einfachen Formel, die ja meist eine handlungsaktivierende Funktion hat, etwas zuviel Ehre zuteilwerden lässt, aber gut …  Um zu „produktiven Lerngelegenheiten“ zu gelangen, müssen wir jedenfalls, so Alexander Klier,  den Blick weg von den Oberflächenphänomenen und hin zu den Organisationsstrukturen wenden, wo heute immer noch eine „systematische Entmündigung der Lerner*innen“ stattfindet.

„In den Beschreibungen und Angeboten der Sichtstruktur schlägt meiner Wahrnehmung nach deshalb auf, was auf der tieferen Ebene des betrieblichen Lernens die eigentliche Problemstellung ist: dass die derzeitige Organisation der betrieblichen Aus-, Fort- und Weiterbildung strukturell, d.h. bauplan- und damit komplexitätsbedingt nicht mehr in der Lage ist, adäquat auf die digitale Transformation zu reagieren.“

Der Artikel hat einen längeren Vorspann (über psychologische Lerntheorien und pädagogische Lern-Modelle). Ein zweiter Teil ist angekündigt.
Alexander Klier, Blog, 13. Oktober 2018

Bildquelle: https://www.pexels.com/de/foto/ausbildung-bildung-drinnen-handy-159844/

Lernen mit und ohne (#LernenMitUndOhne)

Dieser zweiwöchige MOOC startet am 15. Oktober und „richtet sich an Erwachsenenbildner*innen, Bildungsmanager*innen, Personalentwickler*innen und andere, die sich dafür interessieren, wie Lernen selbstorganisierter gestaltet werden kann – auch durch den Einsatz Digitaler Medien“. Der Kurs ist sicher eine gute Gelegenheit, das vernetzte Lernen einmal in der Praxis auszuprobieren. Die Organisatoren erhoffen sich jedenfalls einen „Dis-Kurs“, einen Austausch über die Ideen und Erfahrungen der Teilnehmenden. Und natürlich lauert in der „Gestaltung selbstorganisierter Lernprozesse“ auch ein Widerspruch, den es aufzulösen gilt. Auch das sollte neugierig machen.

Der MOOC ist Teil des Projekts DiEDa (Entwicklung einer Weiter­bildungs­didaktik für selbstorganisierte Lernprozesse mit Fokus auf lernerorientierte Differenzierung und unter sinnvollem Einsatz von digitalen Medien), das vom BMBF gefördert wird. Die Teilnahme ist kostenlos.
oncampus, Oktober 2018

Deutscher Weiterbildungsatlas

Ich war schon mit einem Bein aus der Tür und auf dem Weg zum Corporate Learning Camp nach Kassel, als der Postbote gerade die neueste Ausgabe des Deutschen Weiterbildungsatlas in unseren Briefkasten zwängte. Also habe ich ihm die Arbeit abgenommen und die Studie (30 S.) gleich als Reiselektüre genommen. Was steht drin? Der Weiterbildungsatlas untersucht die regionale Verteilung des Angebots und der Teilnahme an Weiterbildungen in Deutschland. Als Gemeinschaftsprojekt der Bertelsmann Stiftung und des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) und jetzt in der dritten Auflage.

Die zentrale Botschaft: „Die Ergebnisse zeigen, dass die Verteilung der Weiterbildungsteilnahme deutschlandweit sehr heterogen ausfällt: Bei einem Bundesdurchschnitt von 12,2 Prozent reicht die Spannbreite der kommunalen Weiterbildungsbeteilung von 2,3 bis 22,7 Prozent.“

Außerdem interessant: Die positive wie negative Entwicklung einzelner Kommunen im Jahresvergleich zeigt, dass die Beteiligung keine unveränderliche Größe darstellt und durchaus beeinflusst werden kann. Und: Einige Länder und Kommunen liegen mit Blick auf ihre strukturellen Rahmenbedingungen über, andere unter der statistisch zu erwartenden Weiterbildungsbeteiligung.
Bertelsmann Stiftung, September 2018

Selbstorganisiertes Lernen in der Arbeitswelt #clc0711

Am Webinar „Selbstorganisiertes Lernen in der Arbeitswelt“ der Corporate Learning Community Region Stuttgart konnte ich nicht teilnehmen. Aber Joachim Niemeier hat mit diesem Beitrag ein weiteres Diskussionsfeld geöffnet und nach Erfahrungen mit Formen des selbstgesteuerten und selbstorganisierten Lernens gefragt. Einleitend stellt er die Begriffe vor und ordnet sie kurz in den Bildungsdiskurs der letzten Jahre ein.
Joachim Niemeier, Corporate Learning Community, 20. September 2018

5 things to know about the future of jobs

Das World Economic Forum hat nicht nur wieder eine umfangreiche Studie vorgelegt („The Future of Jobs 2018“, 147 S.). Es hat dankenswerterweise daraus auch fünf verdauliche Thesen extrahiert, in denen Kompetenzen und Lernen eine zentrale Rolle spielen:

1. Automation, robotization and digitization look different across different industries
2. There is a net positive outlook for jobs – amid significant job disruption
3. The division of labour between humans, machines and algorithms is shifting fast

4. New tasks at work are driving demand for new skills

„Skills growing in prominence include analytical thinking and active learning as well as skills such as technology design, highlighting the growing demand for various forms of technology competency. However, proficiency in new technologies is only one part of the 2022 skills equation.

“Human” skills such as creativity, originality and initiative, critical thinking, persuasion and negotiation will likewise retain or increase their value, as will attention to detail, resilience, flexibility and complex problem-solving. Emotional intelligence, leadership and social influence as well as service orientation are also set to see particular increase in demand relative to their current prominence today.“

5. We will all need to become lifelong learners

„On average, employees will need 101 days of retraining and upskilling in the period up to 2022.“

Okay, die Aussagen sind natürlich ein Blick in die Glaskugel („net positive outlook for jobs“) und grobkörnig („101 days of retraining and upskilling“). Aber sie bieten einen guten Startpunkt für weitere Diskussionen, Ableitungen und Handlungsempfehlungen.
Vesselina Stefanova Ratcheva und Till Leopold, World Economic Forum, 17. September 2018

Offene Bildungsmaterialien als Weg zu medienpädagogischer Kompetenz für Erwachsenenbildner/innen

Es geht um die Medienkompetenz und die medienpädagogische Kompetenz, die Lehrende in der Erwachsenenbildung heute benötigen. Der Artikel stellt Zusammenhänge dar und verweist auf aktuelle Förderprojekte wie MEKWEP, die sich dem Thema widmen. Aber vor allem wird daran erinnert, dass gerade die Verwendung und die Entwicklung offener Bildungsmaterialien (OER) einen hervorragenden Praxisfall in Sachen Medienkompetenz bietet.
Jan Koschorreck, EPALE – E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa, 31. Juli 2018

Öffentliche Bibliothek als Bildungsplattform – OER für Lernteams in der Stadtbibliothek Köln

Die Bibliothek als Lernort, das ist jetzt eigentlich noch keine Nachricht. Aber es geht um Online-Kurse und um Menschen, die sich zum Lernen und zum Austausch über eben diese Kurse in der Bibliothek verabreden. Okay, Stand heute können sie sich nur in der Stadtbibliothek Köln verabreden. Aber das wird hoffentlich nicht lange so bleiben.

„Bei der re:publica 2018 stellten Philipp Schmidt vom MIT Media Lab und Bettina Scheurer von der Stadtbibliothek Köln in der Session „Fanclub Öffentliche Bibliotheken“ gemeinsam die Idee der Learning Circles in Öffentlichen Bibliotheken vor, die auf dem Konzept der von Philipp Schmidt gegründeten P2P-University basiert. Die Stadtbibliothek Köln bietet inzwischen eine Adaption des Konzeptes für „Lernteams“ innerhalb der Bibliothek an. Im Interview mit OERinfo sprechen sie über die Umsetzung von Lernen in „Lernteams“ in der Stadtbibliothek Köln.“
OERinfo – Informationsstelle OER, YouTube, 28. Juli 2018

Bildquelle: re:publica 2018

Nach „Aus“ kommt „Weiter“

„Wir Deutschen rühmen uns für unser System beruflicher Bildung. Wenn wir es retten wollen, müssen wir endlich ernst machen mit dem Schlagwort vom „lebenslangen Lernen“.

Ein kurzer, dringlicher Appell von Jan-Martin Wiarda, gerichtet vor allem an Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Vor Jahren hatte Jay Cross einmal vom „Spending/ Outcomes Paradox“ gesprochen: Die betriebliche Weiterbildung steckt 80 Prozent ihrer Ressourcen in formale Bildung und nur 20 Prozent in die Unterstützung des informellen Lernens, wo aber 80 Prozent aller Lernaktivitäten stattfinden („Informal Learning: Rediscovering the Natural Pathways That Inspire Innovation and Performance“, 2006). Jetzt zitiert Jan-Martin Wiarda den Ökonomen Thomas Straubhaar, der kürzlich auf ein vergleichbares Paradoxon hinwies: „Gut 90 Prozent aller Bildungsausgaben würden in die ersten 25 Lebensjahre gesteckt, bleiben weniger als zehn Prozent für die übrigen sechs Jahrzehnte Lebenserwartung, und das schon inklusive der betrieblichen Weiterbildung.“
Jan-Martin Wiarda, Blog, 30. Juli 2018

Bildquelle: Jan-Martin Wiarda (Blog)

Bildung in Deutschland 2018

Der neue Bericht „Bildung in Deutschland 2018“, erschienen am 22. Juni 2018, wartete noch auf eine Referenz an dieser Stelle. Das Ausharren hat sich gelohnt: Jetzt kann ich gleich auf Markus Deimann verweisen, der den Bericht kommentiert hat. Vorneweg: Es ist der siebte nationale Bildungsbericht, verfasst von einer Reihe renommierter Einrichtungen und Experten. Der Bericht will, auf 377 Seiten, eine empirische Bestandsauf­nahme für das deutsche Bildungswesen vorlegen, von der frühen Bildung bis zur Weiterbildung im Erwachsenenalter. Ein Schwerpunktkapitel dieser Ausgabe widmet sich dem Thema „Wirkungen und Erträge von Bildung“.

Was ist nun Markus Deimann aufgefallen? Zuerst beobachtet er im Bildungsbericht ein Bildungsverständnis, das zwischen Selbst- und Fremdsteuerung schwankt. Auf der einen Seite geht es darum, durch Teilhabe an Bildungsprozessen das eigene Leben selbständig zu planen und zu gestalten. Und auf der anderen Seite steht der zielgerichtete Aufbau von Kompetenzen, die der Arbeitsmarkt nachfragt.

Dann hat sich Markus Deimann noch die 14 Stellen näher angeschaut, in denen im Bericht von der Digitalisierung die Rede ist und sieht hier „das Pendel mehr in Richtung der Fremdsteuerung“ schlagen. Ein Paradoxienmanagement (!), das dieses Spannungsverhältnis aufnimmt, reflektiert und nach einer Lösung sucht, könnte hier weiterhelfen. Aber an dieser Stelle sind die Hinweise des Autors sehr deutungsoffen. Jedenfalls nimmt er auch die Bildungswissenschaft selbst in die Pflicht, weiter über Bildung im digitalen Zeitalter nachzudenken.
Markus Deimann, MERTON – Onlinemagazin des Stifterverbandes, 24. Juli 2018

Bildquelle: Bildungsbericht

Working out loud, Agiles Lernen und Makerspaces

Das mmb-Institut hat für wb-web 124.242 Zeilen aus Social-Media-Beiträgen des zweiten Halbjahrs 2017 zu Weiterbildungsthemen untersucht, um „Trendbegriffe“ zu ermitteln. Was gefunden wurde:

Working out loud/ Learning out loud, Fehlerkultur, Agiles Lernen/ agile Bildungsinstitution/ Agility/ Agile Mind, Modern Workplace Learning, EdTech, Blockchain, Change/ Change Agent/ Change Management, Cloud, Makerspace, Open Hardware/ Open Source Hardware, Podcasts für die Weiterbildung. Hinweise zum methodischen Vorgehen enthält der Schlussbericht des mmb-Instituts.

Im vorliegenden Artikel gibt uns Lutz Goertz noch kurze Lesehilfen zu den einzelnen Begriffen mit. Sein Resümee: „Arbeiten und Lernen wachsen enger zusammen und sind einem ständigen Wandel unterworfen. Dabei greift die Bildungswelt auch internationale Trends und Workflows auf. Wichtig ist ferner das gemeinsame „Machen“, das Erarbeiten von Themen und Dingen mit einem bleibenden stofflichen Ergebnis.“
Lutz Goertz, wb-web, 13. Juli 2018