Notions of Disruption – Explorative Studie des SWIR mit einem Kapitel zu „Digitale Kompetenzen“

Digitale Kompetenzen, ihre Bestimmung und ihre Entwicklung, werden dieses Jahr weiter in den Vordergrund rücken. Die mediale Präsenz von Künstlicher Intelligenz, Algorithmen und Automatisierung verschärft den Handlungsdruck. Die Studie von Sabine Seufert, herausgegeben vom Schweizerischen Wissenschafts- und Innovationsrat (SWIR), passt hier genau, denn sie liefert eine Reihe von Perspektiven, Modellen und Empfehlungen, auf die ich hier nur auszugsweise hinweisen kann.

Die Perspektive: Nicht der Ersatz oder das Verschwinden menschlicher Arbeit sollte die Diskussion um die Auswirkungen der Digitalisierung und Automatisierung leiten, sondern die Erweiterung menschlicher Fähigkeiten durch Maschinen, „human augmentation“.

Die Modelle: Das „digital competency framework“, das Sabine Seufert vorstellt, besteht aus drei Komponenten: Digital Literacy („basic understanding of technology“) und Digital Citizenship („socio-economic impact of technology“) bilden die Grundlage für „Personality Development in a Digital Society“ („new human-machine interaction: complementary competences“).

Dabei weist sie immer wieder darauf hin, dass digitale Kompetenzen sich nicht in kognitiven Skills oder dem richtigen Umgang mit bestimmten Tools und Systemen erschöpfen. Es geht immer auch um Kompetenzen in einer digitalisierten Welt! Sie spielt das Modell auch auf der curricularen Ebene durch („spiral curriculum“), liefert dabei aber eher bildungspolitische Vorlagen und weniger konkrete Handlungsanleitungen für einzelne Organisationen und Zielgruppen. Da bleibt also noch genug Arbeit „vor Ort“!

Sechs Empfehlungen schließen ihre Ausführungen. Sie werden in einer einleitenden Summary wie folgt zusammengefasst:
„1. Das Bewusstsein für ergänzende Kompetenzen stärken; 2. Einen nationalen Rahmenlehrplan für digitale Kompetenz entwickeln; 3. Formative Beurteilungen, integrierte Beurteilungssysteme und «Graduation Portfolio»- Systeme einführen; 4. Do-it-yourself-Lernen in Bildungsinstitutionen ermöglichen; 5. Durch die Entwicklung von digitaler Kompetenz bei den Lehrpersonen Kapazitäten aufbauen; 6. Forschung zu digitaler Kompetenz vertiefen, um die Kluft zur «Gesellschaft in der Schleife» zu schliessen.“
Sabine Seufert, in: Notions of disruption. A collection of exploratory studies written and commissioned by the Swiss Science and Innovation Council SSIC, 3/2017 (via scil Blog)

Kompetenzen für eine digitalisierte Arbeitswelt: ein Orientierungsrahmen

Christoph Meier schreibt: „Die digitale Transformation erfordert neue Kompetenzen und Fähigkeiten auf Seiten von Mitarbeitenden in Unternehmen und Organisationen. Hier besteht weithin Einigkeit. Doch worin bestehen diese Kompetenzen genau? Und was heisst dies für Bildungsverantwortliche?“

Um sich ersten Antworten zu nähern, hat Christoph Meier verschiedene Quellen zusammengetragen, Modelle und Aufstellungen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven dem Thema nähern. Von BITKOM, NMC bis Institute of the Future. Dann kommt noch der Wandel selbst, die digitale Transformation, hinzu, die auch noch einmal spezifische Kompetenzen verlangt.

Festhalten können wir heute, dass es zwar zahlreiche Modelle gibt, aber die „Übersetzungsarbeit“ bleibt: Was bedeuten digitale Kompetenzen für eine Branche, eine Unternehmung und eine konkrete Rolle? Und wie können wir die Entwicklung dieser Kompetenzen unterstützen?
Cristoph Meier, scil-Blog, 30. November 2017

A Domain of One’s Own

International, zum Beispiel an der University of Mary Washington, ist es schon länger ein Thema: „A Domain of One’s Own“. Also höchste Zeit, es auch hierzulande einmal auszuloten. So geschehen vor einigen Tagen auf dem ersten Netzwerktreffen für die Hochschullehre, organisiert vom Hochschulforum Digitalisierung. Ein Protokoll des Workshops zum Thema liegt hier vor. Doch was verbirgt sich hinter dem Stichwort „A Domain of One’s Own“?

„Eine Studentin oder ein Student erhält von der Hochschule zu Beginn des Studiums eigenen Webspace inklusive einer eigenen Domain, die sie ab diesem Moment für Lehr- und Lernzwecke, aber auch darüber hinaus als eigene Webpräsenz nutzen kann und darf. Die Nutzung der Domain wird daher idealerweise in Lehre und Lernen an der Hochschule integriert.“

Wenn man es genau nimmt, dann bilden die Projekte und Ideen rund um „A Domain of One’s Own“ das Gegenstück zur Debatte um Edtech & die Personalisierung des Lernens. Vielleicht geht es noch nicht einmal um die Verknüpfung mit der Hochschullehre, sondern um die Frage, wie wir uns in Zukunft souverän und selbstorganisiert im und mit dem Netz bewegen, jenseits von Facebook und Google. Stichworte wie „digital literacy“ und „eportfolio“ fallen fast zwangsläufig im Artikel. Und die Hochschulen bilden biografisch nicht den schlechtesten Startpunkt.

In Berlin haben es die Teilnehmenden im knappen Zeitfenster eines Workshops immerhin geschafft, die Aspekte „Governance, policy and administration“, „Technology, infrastructure, and production“ sowie „Pedagogy, learning and collaboration“ zu diskutieren. Jetzt darf man gespannt sein, ob eine Hochschule den Ball aufnimmt.
Jane Brückner, Markus Deimann und Christian Friedrich, Hochschulforum Digitalisierung/ Blog, 4. Oktober 2017

 

It’s official – higher education students want staff to be better with digital, not to use more of it

Diese Studie („Student digital experience tracker 2017“, 40 S., pdf), an der 22.000 Studierende in UK teilgenommen haben, enthält viele Informationen über die Nutzung und die Erwartungen, was den Einsatz digitaler Systeme und Tools im Studium betrifft. Der Titel der Meldung bildet dabei nur einen Teilaspekt. Kapitelüberschriften lauten u.a.: „Access to basic services and digital devices“, „Course-related digital activities“ und „Institutional-level digital provision and support“. Was nach einer ersten Durchsicht, so Stephen Downes, auffällt: Viele Fragen kreisen um die Einbindung digitaler Systeme und Endgeräte und den Online-Zugriff auf Informationen. Themen wie „‚learn‘, ‚experience new things‘, or ‚go beyond the curriculum'“ mit Hilfe neuer Netztechnologien rücken da schnell in den Hintergrund.
Joint Information Systems Committee (Jisc), News, 11. September 2017

Kompetenzen für die Arbeitswelt von heute und morgen: 21st Century Skills and beyond

Vielleicht muten sich die Autoren doch auf knappem Raum etwas zu viel zu: Zuerst die Kompetenzen beschreiben, die in der Arbeitswelt von morgen gefordert werden; und dann noch die Wege skizzieren, auf denen diese Kompetenzen erworben werden können. Was den ersten Punkt betrifft, so wählen sie das (?) „21st Century Skills Modell“, um einige der Kompetenzen aufzuzeigen, mit denen wir uns zukünftig wappnen müssen. Was den zweiten Punkt betrifft, so ist es vielleicht doch etwas zu einfach, kurz auf problem- und erfahrungsbasiertes Lernen und einige aktuelle Ansätze wie den Inverted Classroom hinzuweisen. Aber sie sind hier natürlich nicht die Einzigen, die an dieser Stelle noch mehr Fragezeichen als Antworten haben. Einigkeit herrscht aber dahingehend, dass die bestehenden Lernkonzepte und -wege nicht zum Ziel führen.
Deborah Schnabel und Andre Hartmann, Hochschulforum Digitalisierung/ Blog, 6. September 2017

Bildquelle: Charles Fadel, CC BY 3.0

Welche „Digitalen“ Kompetenzen benötigen wir in Zukunft? Ein Fallbeispiel mit generischem Wert

Das Fallbeispiel stammt aus der Schweizerischen Post. Joël Krapf ist Mitarbeiter, schreibt gerade an seiner Dissertation zum Thema und lässt uns über die Schulter auf das „laufende Verfahren“ schauen. Der Reihe nach: Über die Bedeutung digitaler Kompetenzen war man sich auch bei der Schweizerischen Post schnell einig. Um dann bei der Frage zu landen, was eigentlich unter „digitalen Kompetenzen“ zu verstehen ist.

Also hat man sich im ersten Schritt die vielen vorhandenen Modelle angeschaut und ist zu einer Unterscheidung gekommen: zwischen allgemeinen Kompetenzen, um in einer digitalen Welt erfolgreich bestehen zu können, und spezifischen Kompetenzen im Umgang mit digitalen Tools. Im zweiten Schritt hat man 3.000 Kolleg*innen der Post gefragt, ob es sich auch aus ihrer Sicht um die „richtigen“ und „wichtigen“ Kompetenzen handelt. Die Richtung, so das Feedback der Befragten, stimmte. Also sind die Projektleiter im nächsten Schritt hingegangen und haben das Modell inhaltlich und grafisch angepasst (siehe unten).

Daepp, U. (2017): SkillChange Digitale Transformation. Welche (neuen) Kompetenzen benötigen die Mitarbeitenden der Schweizerischen Post im Zuge der Digitalen Transformation. unveröffentlichte Bachelorarbeit: Universität St.Gallen.

Wer jetzt vielleicht neugierig fragt, welche Kompetenzen denn wie und wann entwickelt werden, muss noch etwas Geduld mitbringen (und den Blog abonnieren). Gerade für die Entwicklung der Schlüsselkompetenzen ist das sicher eine spannende Frage (via Sabine Seufert).
Joël Krapf, Blog, 24. Juni 2017

Digital Literacy in Higher Education, Part II

2016 hat das New Media Consortium (NMC), das auch den jährlichen Horizon Report herausbringt, mit der Unterstützung von Adobe erste Grundlagen zum Thema „Digital Literacy“ aufgelegt. Zum Beispiel mit der Beschreibung von „three models of digital literacy“: „universal literacy“, „creative literacy“, „literacy across disciplines“. Der vorliegende Part II setzt die angefangene Arbeit fort.

So werden 11 verschiedene Digital Literacy-Modelle vorgestellt (und auch grafisch sehr schön zusammengefasst!). Die unterschiedlichen Schwerpunkte einzelner Konzepte werden beleuchtet. Dann blicken die Autoren in einzelne Bereiche wie „Humanities“, „Business“ und „Computer Science“, verlinken Materialien aus diesen Bereichen und stellen einzelne Digital Learning-Initiativen vor. Statements verschiedener Experten runden die Studie ab.

Abschließend: Die Autoren haben einen klaren Ausgangspunkt, „… the idea that digital literacy is about learners as creative producers“ (S.11) Sie weisen aber abschließend darauf hin, dass die Diskussion um Digital Literacy nie abgeschlossen sein wird. Denn wer weiß heute, ob nicht Augmented und Virtual Reality, Blockchain und Artificial Intelligence, aber auch die politischen Diskussionen um „fake news“, ganz neue Fragen und Antworten aufwerfen.
Alexander, B., Adams Becker, S., Cummins, M., and Hall Giesinger, C., Part II: An NMC Horizon Project Strategic Brief. Volume 3.4, August 2017 (pdf)

Can digital literacy be deconstructed into learnable units?

Eigentlich sind es vier Fragen, die Doug Belshaw beantwortet. Darin hält er fest, dass das, was wir “digitally literate” nennen, immer kontextabhängig und dynamisch ist, also kein Zustand, den man einmal erreicht hat und über den ein erfolgreich bestandener Test informiert. Auf die letzte Frage nach Quellen zum Thema, die er empfehlen kann, antwortet er: “There’s no substitute for keeping up-to-date by following people who are making sense of the latest developments.” Und zählt anschließend einige Experten und ihrer Twitter-Accounts auf …

“The three things I stress time and time again in my keynotes, writing, and workshops on this subject are:
1. Digital literacies are plural
2. Digital literacies are context-dependent
3. Digital literacies are socially-negotiated”

Doug Belshaw, Literacies, 21. April 2017

Digital Literacy. An NMC Horizon Project Strategic Brief

New Media Consortium (NMC) und Adobe haben das Thema “digital literacy” vermessen, eher pragmatisch und auf der Grundlage einer eigenen Umfrage sowie anderer Hausprojekte (u.a. dem Horizon Report) als systematisch. Interessant ist, dass sie dabei Konzepte der Medien- und Informationskompetenz bewusst hinter sich lassen (was Publikationen hierzulande immer noch schwer fällt); und dass sie die aktive, kreative Seite von “digital literacies” in den Vordergrund rücken: “A key finding from both NMC’s research and NMC Horizon Report series is the growing recognition that students are makers within the digital world.” (S. 6) “… makerspaces as a pathway to digital literacy” (S. 14)

Ansonsten fasst der Report die Rückmeldungen und Beobachtungen in drei Perspektiven zusammen (”universal literacy, creative literacy, and literacy across disciplines”), verlinkt Best Practices und schließt mit vier Empfehlungen. Und er erinnert Leser (Hochschulleitungen …) an die Notwendigkeit eines strategischen Ansatzes, denn mit Big Data, Artificial Intelligence und Machine Learning klopfen schon die nächsten Entwicklungen an die Tür.
Alexander, B., Adams Becker, S. und Cummins, M., New Media Consortium (NMC), Volume 3.3, Oktober 2016 (pdf)

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Digitales Leben ¦ Lernen ¦ Leisten – Rückblick auf den scil Trend- & Community Day 2016

Letzte Woche hatte ich das Vergnügen, am scil Trend- & Community Day in St. Gallen teilzunehmen (nochmals besten Dank an das scil-Team!). Jetzt hat Christoph Meier, scil-Geschäftsführer, sehr schön und ausführlich den Tag, die Referenten und ihre Themen beschrieben, so dass ich kaum noch etwas hinzufügen kann. Das Umfeld der Kunstgiesserei Sitterwerk bot jedenfalls einen interessanten Kontrast zu den Themen der scil-Community. Das Ordnungsprinzip der dortigen Kunstbibliothek mit RFID-Chips und Scan-Vorrichtung war richtig zum Staunen! Der thematische Bogen des Tages spannte sich mit vielen Beispielen und Impulsen von den “großen” Fragen der Kompetenzentwicklung im Zeichen der Digitalisierung bis zu konkreten Projekten zur Entwicklung von “digital literacy”. Aber dazu mehr bei Christoph Meier …
Christoph Meier, scil-Blog, 20. September 2016