Sehr geehrter Herr Heilmann, …

Joachim Sucker hätte am 30. Januar nach Berlin fahren können, um an einer Expertenrunde teilzunehmen, die sich mit MILLA, der Bildungsidee (auch: „Weiterbildungswende“) der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, auseinandersetzt. Eingeladen hat ihn der Abgeordnete Thomas Heilmann, einer der MILLA-Initiatoren. Eingeladen, obwohl oder weil Joachim Sucker sich kritisch über die Idee einer zentralen Lernplattform geäußert hat? Jedenfalls hat er die Einladung abgelehnt, und die Absage gleich öffentlich gemacht. Die Lektüre kann ich nur empfehlen.

Joachim Sucker ist übrigens gerne bereit, eine andere Frage zu diskutieren: „Wie können wir mit einem Einsatz von jährlich 3 Mrd. € das Ziel einer Teilhabe und Zukunftssicherung in der digitalisierten Gesellschaft auf eine sehr breite Basis stellen? Diese Frage würde ich öffentlich stellen und einen Ideenwettstreit, an dem am Ende die Gesellschaft als Gewinner dasteht, ausrufen.“

Da wäre ich auch dabei.
Joachim Sucker, allesauszucker, 14. Januar 2019

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Wie der Fußball im Thermomix unsere Zukunft rettet

Wie sehr viele Akteure auf zukunftsweisende Beiträge der Politik zur Weiterbildung gewartet haben, zeigt sich daran, dass auch in der Weihnachtspause weitergedacht und -geschrieben wurde. Von Joachim Sucker zum Beispiel. Aber so richtig begeistern kann auch ihn MILLA nicht. Er sieht hier jedenfalls keine Impulse oder Konzepte, um das Interesse am lebenslangen Lernen im großen Stil zu entfachen.

„Was bleibt: Eine langersehnte Initiative aus der Berliner Politik. Dafür ist in jedem Fall zu danken. Gedanklich passend für die Jahrtausendwende ist sie 2018 vom Ansatz her nicht mehr relevant. Neues Interesse an Weiterbildung zu wecken kann nicht über eine Datenbank erfolgreich sein. Bei aller Kritik ist dieser Schritt mutig und sollte zum Anlass für weitere Debatten genommen werden.“

Und wenn ich schon mal dabei bin, hole ich gleich ein Versäumnis nach: Denn Markus Deimann hatte bereits im November darüber geklagt, dass beim Stichwort Bildung alle nur reflexartig an eine zentrale, nationale Lernplattform denken („Und täglich grüßt die Super-Plattform“). Zuerst die „Schulcloud“, dann die „nationale Plattform für digitale Hochschullehre“ und jetzt MILLA, das „Bildungs-Netflix“:

„Allen drei Plattformbeispielen ist gemeinsam, dass sie Menschen in einen abgeschlossenen virtuellen Raum einsperren wollen. Dies ist das genaue Gegenteil von dem, wie man sich ursprünglich die digitale Gesellschaft vorgestellt hat.“

Joachim Sucker, allesauszucker, 4. Januar 2019

Bildquelle: Pexels (pixabay, CC0)

The Business of ‚Ed-Tech Trends‘

Das passt zu den vielen Trendberichten (und ist vielleicht die letzte Übersicht, die uns Audrey Watters schreibt!): Wie schon in den Jahren zuvor, hat sie wieder einen kritischen Blick auf Ed-Tech geworfen, also die Investitionen in Educational Technology bzw. Bildungstechnologien. Hier ihre wichtigsten Beobachtungen:

  • „… it was another record-setting year for ed-tech investment: Investment dollars: $4.46 billion“
  • „The most well-funded types of education company this year were those who offered tutoring. Tutoring, to be clear, here mostly means test prep.“
  • „Of the twenty some-odd tutoring companies that raised funding this year, ten were Chinese.“
  • „The industry’s fixation on “the future of learning” certainly seems to prevent many people from taking a good look at the past.“
    Zum Beispiel MOOC-Anbieter Udacity: „This year, Udacity ended its money-back guarantee. It upped the price of its “nanodegrees.” (Its MOOC competitor edX also announced this year that many of its courses would no longer be free.) Udacity laid off about a quarter of its staff mid-year. And its CEO stepped down.“
  • „The connections between tech and authoritarianism became a lot more obvious this year, I’d hope.“
  • The Business of Education Philanthropy: „… billionaires – tech billionaires and otherwise – all seem convinced that through their philanthropic efforts they can reshape education, reshape how education is funded and what is taught.“
    Aber: „… philanthropy is no substitute for not paying your taxes.“

Wie an anderer Stelle schon gesagt: Wenn Audrey Watters Analysen künftig fehlen werden, entsteht eine riesige Lücke!
Audrey Watters, Hack Education, 31. Dezember 2018

MILLA – Die digitale Lernplattform

Darf ich noch einmal? Genau … MILLA. Es geht auch ganz schnell: Es gibt nämlich jetzt eine Video-Botschaft der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die MILLA bewirbt. In drei Szenen schildern Menschen, wie ihnen MILLA in ihrem Alltag helfen würde. Danach kommen die Macher*innen des Konzepts zu Wort. 5:49 Min. Das Ganze ist professionell gemacht, ohne der Sachlage bzw. laufenden Diskussion etwas Neues hinzuzufügen.

Apropos laufende Diskussion: Die CDU hat letzte Woche auf ihrem Parteitag nicht nur einen Vorsitz gewählt. Es wurden auch Beschlüsse gefasst. So heißt es in dem entsprechenden Dokument unter „C 4, C 126“: „Deutschland braucht eine neue Weiterbildungskultur“, kurz MILLA. Ich bin allerdings kein CDU-Experte und weiß nun nicht, welche konkreten Handlungen mit einem Parteitags-Beschluss verknüpft sind.
CDU/CSU-Bundestagsfraktion, YouTube, 6. Dezember 2018

 

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Was will MILLA?

Auch Bernd Käpplinger, Weiterbildungsforscher aus Gießen, kann mit MILLA, der Idee einer zentralen Bildungsplattform, wenig anfangen. Gibt es nicht schon genügend Angebote und Anlaufstellen im Netz? Eigentlich könnte das Interview nach zwei oder drei Absätzen schließen. Aber beide Gesprächsteilnehmer spekulieren noch eine Weile über mögliche Motive und Interessen hinter der Idee. Das Schlusswort hat wieder Bernd Käpplinger:

„Darum lautet meine Botschaft an den CDU-Parteitag: Wenn schon MILLA, dann nur als Teil einer weitergehenden Weiterbildungsinitiative, in die sich die Plattform sinnvoll und bürgernah einfügen müsste.“
Jan-Martin Wiarda, Interview mit  Bernd Käpplinger, Blog, 7. Dezember 2018

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Drei Fragen an MILLA

Zur Erinnerung: Am 5. November 2018 hat der Arbeitskreis Zukunft der Arbeit in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ein Weiterbildungskonzept vorgelegt. Sein Titel: „Modulares Interaktives Lebensbegleitendes Lernen für Alle“, kurz: MILLA. Ulrich Schmid, mmb Institut, hat es aufmerksam gelesen und auch noch drei Fragen gefunden:

1. Wie umgehen mit der Heterogenität des digitalen Lernens? …
2. Was wenn zu wenige oder zu viele Inhalte zu bestimmten Themen angeboten werden? …
3. Wer kann MILLA (kostenlos) nutzen und was bedeutet das für den Weiterbildungsmarkt? …

Sein Fazit überrascht nicht wirklich: „So lobenswert und ambitioniert das Ziel auch ist: Alles in allem lässt es der aktuelle Entwurf von MILLA meines Erachtens kaum erwarten, eine Art „Netflix“ oder „Spotify“ für Bildung zu werden. Im Gegenteil: Ich fürchte, dass dabei am Ende eher etwas herauskäme, das an ein „eGovernment“-Portal einer durchschnittlichen deutschen Großstadt erinnert.“
Ulrich Schmid, Bertelsmann Stiftung/ Digitalisierung der Bildung, 21. November 2018

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Disrupt Education! (Wie) Können etablierte Bildungsanbieter radikale Innovationen gestalten – und wie kann mmb sie dabei unterstützen?

Wenn ich den Werbeblock einmal hinten anstelle: Ulrich Schmid (mmb Institut) spielt in diesem Beitrag durch, was Disruption für die Bildung hierzulande bedeutet oder bedeuten könnte. Konkret: Welche Folgen hat die Digitalisierung für die Bildung und etablierte Bildungsanbieter? Wo drohen disruptive Innovationen, bewährte Geschäftsmodelle zu hinterfragen? Und wie können Bildungsanbieter sich darauf einstellen und, gegebenenfalls, selbst neu erfinden?

Der Dreisatz des Beitrags:
a) Bildung ist ein komplexes Produkt (unsicher, ungeliebt, kontextabhängig, wenig wertgeschätzt);
b) Bildung bietet deshalb viele Einfallstore für Neueinsteiger, oder: „Bildung als Produkt oder Dienstleistung bietet also genügend Ansatzpunkte für Verbesserungen, und daher auch vielfältige Chancen für Disruption … „;
c) Doch: Etablierten Anbietern fehlen oft Wissen, Können, Ideen, Fantasie, Bereitschaft und Mut, auf diese Gefahren zu reagieren.

An dieser Stelle greift dann der mmb-Werbeblock. Interessant sind aber in jedem Fall die Beispiele für disruptive Bildungsprodukte, die Ulrich Schmid im Beitrag erwähnt. Ob sie in jedem Fall die Vorgaben des Disruption-Erfinders Clayton Christensen erfüllen, bin ich mir noch nicht sicher.
Ulrich Schmid, mmb Institut/ mmblog, November 2018

Wenn das Smartphone Nachhilfestunden gibt

Es gibt einige Erklärungen dafür, warum der Bildungsmarkt im deutschsprachigen Raum für Start-ups und Investoren nicht attraktiv ist („Warum gibt es in Deutschland kaum EdTech?“). Die große EdTech-Szene spielt in Silicon Valley. Vor diesem Hintergrund verlinke ich einmal auf diese Nachricht über das Wiener Start-up „Gostudent“, „… das Nachhilfestunden im Netz anbietet – mittels kostenloser Chatlösung können Schüler alle möglichen Fragen stellen – von Goethe bis zur Kurvendiskussion. In einem bezahlten Bereich gibt es Video-Nachhilfestunden und Chats mit Lieblingstutoren.“

Das Unternehmen berichtet von monatlich 250.000 Nutzern. Investoren scheinen interessiert. Vielleicht ist es die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Vielleicht ist es eine von vielen neuen Initiativen, denen nur etwas Aufmerksamkeit fehlt.
Johannes Steger, Handelsblatt, 8. November 2018

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Unionsfraktion schlägt eine Art Bildungs-Netflix vor

Es nennt sich MILLA: „Modulares Interaktives Lebensbegleitendes Lernen für Alle“. Was soll es leisten:

„Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich eine Art Bildungs-Netflix für alle: Eine Internetplattform, auf der jeder Bürger entsprechend seinen Interessen und beruflichen Bedürfnissen Onlinekurse aussuchen und an ihnen teilnehmen kann – wann immer es ihm passt, abends, unterwegs, in der Mittagspause. „Agiles Arbeiten in einer Bank“ zum Beispiel. Oder „Design Thinkin'“. Oder eine Programmiersprache.“

Kommen wir zu den noch dünnen Rahmenbedingungen. Finanziert werden soll es aus Steuergeldern („Die Teilnahme an den Kursen soll nämlich kostenlos sein; die Anbieter wiederum bekommen für ihre Leistungen Geld.“). Es soll Qualitätsstandards, also staatliche Kontrollen, geben, aber vieles ist noch offen. „Wir schaffen einen neuen Markt“, heißt es.

Kurz: Skepsis scheint angebracht.
Henrike Roßbach, SZ.de, 5. November 2018

Bildquelle: Ankush Minda (Unsplash)

 

B. F. Skinner: The Most Important Theorist of the 21st Century

Burrhus Frederic Skinner (1904 – 1990), amerikanischer Psychologe, prominentester Vertreter des Behaviorismus, Erfinder der „Skinner Box“ und des programmierten Lernens. Im Rahmen ihrer Recherchen zur Geschichte von „Education Technology“ hat Audrey Watters natürlich auch viel Zeit mit Skinner verbracht. Einiges von dem, was sie in den Archiven und Texten gefunden hat, hat sie in diesen lesenswerten Artikel einfließen lassen. Aber ihr wichtigster Punkt ist zweifellos die Linie, die sie von Skinner zu den Silicon Valley-Exponenten und ihren sozialpolitischen Ideen und Utopien zieht, zu Zuckerberg & Co. „… Seymour Papert lost and B. F. Skinner won“, heißt es an einer Stelle.
Audrey Watters, Hack Education, 18. Oktober 2018

Bildquelle: Silly rabbit (Wikipedia, CC BY 3.0)