„Auch im Internet wird Wissen monopolisiert“

Die Pionierphase der Digitalisierung an den Hochschulen ist abgeschlossen. Jetzt, so Michael Kerres (Universität Duisburg-Essen), geht es ums Grundsätzliche, um die Zukunft der Hochschulen und ihre Aufgaben in der digitalisierten Gesellschaft. Zum Grundsätzlichen gehört auch, sich von der Annahme zu verabschieden, dass ein netzgestütztes Angebot von Lernressourcen zu mehr Bildungsgerechtigkeit führt. „… das lebenslange Lernen braucht eben Voraussetzungen.“

Anlass dieses Interviews war die Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) und des Netzwerkes E-Learning NRW, die am 12.-14. September 2018 in Duisburg-Essen stattfand. Und ich nutze die Gelegenheit gleich, um auf den Jahresband der Tagung hinzuweisen („Digitalisierung und Hochschulentwicklung“, Waxmann, 294 S.), der offen im Netz abrufbar ist. Auf einzelne Beiträge dieses Bandes werde ich in den nächsten Tagen noch eingehen. So zumindest der Plan.
Jörg Biesler, Gespräch mit Michael Kerres, Deutschlandfunk, 12. September 2018

Nach „Aus“ kommt „Weiter“

„Wir Deutschen rühmen uns für unser System beruflicher Bildung. Wenn wir es retten wollen, müssen wir endlich ernst machen mit dem Schlagwort vom „lebenslangen Lernen“.

Ein kurzer, dringlicher Appell von Jan-Martin Wiarda, gerichtet vor allem an Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Vor Jahren hatte Jay Cross einmal vom „Spending/ Outcomes Paradox“ gesprochen: Die betriebliche Weiterbildung steckt 80 Prozent ihrer Ressourcen in formale Bildung und nur 20 Prozent in die Unterstützung des informellen Lernens, wo aber 80 Prozent aller Lernaktivitäten stattfinden („Informal Learning: Rediscovering the Natural Pathways That Inspire Innovation and Performance“, 2006). Jetzt zitiert Jan-Martin Wiarda den Ökonomen Thomas Straubhaar, der kürzlich auf ein vergleichbares Paradoxon hinwies: „Gut 90 Prozent aller Bildungsausgaben würden in die ersten 25 Lebensjahre gesteckt, bleiben weniger als zehn Prozent für die übrigen sechs Jahrzehnte Lebenserwartung, und das schon inklusive der betrieblichen Weiterbildung.“
Jan-Martin Wiarda, Blog, 30. Juli 2018

Bildquelle: Jan-Martin Wiarda (Blog)

Wandel in der Arbeitswelt: Lebenslang lernen – aber wie?

Der Artikel versucht, den Begriff des „lebenslangen Lernens“ mit vielen kurzen Erfahrungsberichten und O-Tönen mit Leben zu füllen. Zuerst wird der Rahmen gesetzt: Digitalisierung, Automatisierung, neue Technologien, neue Kompetenzen, neue Jobs. Dann gibt es den Blick hinter die Kulissen eines Beratungscenters für lebenslanges Lernen. Diese sind noch in der Pilotphase, gehören zur Arbeitsagentur und bieten Hilfe bei der Neuorientierung. Die weiteren Stichworte des Beitrags liefern unter anderem Vertreter*innen der Arbeitgeberverbände, der Gewerkschaften, das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), die Vodafone Stiftung, das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE). Es geht um Orientierung, Lernkultur und Selbstverantwortung.
Christina Küfner, Deutschlandfunk Kultur, 5. Juni 2018

Bildquelle: geralt (pixabay, CC0)

Wandel in der Arbeitswelt: Lebenslang lernen – aber wie?

Der Artikel versucht, den Begriff des „lebenslangen Lernens“ mit vielen kurzen Erfahrungsberichten und O-Tönen mit Leben zu füllen. Zuerst wird der Rahmen gesetzt: Digitalisierung, Automatisierung, neue Technologien, neue Kompetenzen, neue Jobs. Dann gibt es den Blick hinter die Kulissen eines Beratungscenters für lebenslanges Lernen. Diese sind noch in der Pilotphase, gehören zur Arbeitsagentur und bieten Hilfe bei der Neuorientierung. Die weiteren Stichworte des Beitrags liefern unter anderem Vertreter*innen der Arbeitgeberverbände, der Gewerkschaften, das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), die Vodafone Stiftung, das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE). Es geht um Orientierung, Lernkultur und Selbstverantwortung.
Christina Küfner, Deutschlandfunk Kultur, 5. Juni 2018

Bildquelle: geralt (pixabay, CC0)

Internet Trends Report 2018

Das jährliche Internet-Kompendium von Mary Meeker ist erschienen. Dieses Mal sind es 294 Seiten, wieder voll mit Daten, Schaubildern und Trends. Sie betreffen die Nutzung des Netzes, Märkte, E-Commerce, Werbung, Technologien und immer wieder China. Es gibt dann auch ein Kapitel, „Economic Growth Drivers“, das mit fünf Slides zum Stichwort „Lifelong Learning“ gefüllt ist und mit einigen Zahlen, die die wachsende Bedeutung dieses Bereichs unterstreichen. Donald Clark hat auch schon versucht, aus den Daten etwas mitzunehmen („20 important takeaways for learning world from Mary Meeker’s brilliant tech trends“). Fürs Protokoll.
Mary Meeker, KPCB, Slideshare, 30. Mai 2018

DIE Forum Weiterbildung 2017: Erwachsenenbildung und Öffentlichkeit

Noch auf der Rückfahrt vom diesjährigen DIE Forum bin ich in die Buchhandlung im Frankfurter Hauptbahnhof und habe mir ein dünnes Reclam-Heftchen, Marie-Luisa Fricks „Zivilisiert streiten“, gekauft. Das war nämlich die Leseempfehlung, mit der einige Stunden zuvor ein „Philosophisches Café“ den Tag in Siegburg abschloss. Überhaupt war es ein kurzweiliger Tag, zu dem auch die Keynote von Thomas Krüger (Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung) und vier Arbeitsgruppen beitrugen. In einer davon, der Arbeitsgruppe II, haben wir intensiv das Thema „Digitale Öffentlichkeit und Herausforderungen der Erwachsenenbildung“ diskutiert. Mit mir saßen Tine Nowak (Universität Köln) und Caja Thimm (Universität Bonn) auf dem Podium. Weitere Impressionen vom Tag via Storify.

Leitfaden E-Learning: Digitale Lern­angebote kennen und nutzen

Das ist natürlich wirklich eine Herausforderung: in Zeiten, in denen die Grenzen zwischen online und offline verschwimmen und in denen sich Hunderte von Tools und Formaten im Netz tummeln, noch „E-Learning“ zu erklären. Aber es ist den Machern dieses Leitfadens ganz gut gelungen.

Es gibt einen kurzen Einstieg, der die neuen Chancen betont, die die Digitalisierung bzw. E-Learning für das lebenslange Lernen bieten. Dann werden sechs Formen des E-Learning vorgestellt: Lernsoftware (Webbased Training), Onlinekurse („Im Inter- oder Intranet“), MOOCs („Wie an der Uni“), Videotraining („In kleinen Häppchen“), Apps („Lernen unterwegs“) und Blended Learnig („Mit Präsenzphasen“). Dann folgt noch ein Kapitel zum informellen Lernen und den Möglichkeiten, sich selbst mithilfe von Online-Videos, Blogs, Wikis und sozialen Netzwerken schlau zu machen. That’s it. Drumherum noch einige kurze Tipps und Aufzählungen.
Stiftung Warentest, 30. November 2017

Berufstätige sehen sich nicht für digitale Arbeitswelt gerüstet

Es geht um unsere digitalen Kompetenzen und das lebenslange Lernen. Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) hat eine repräsentative Umfrage durchführen lassen, um etwas über den Stand der Dinge zu erfahren. Die wichtigsten Ergebnisse, die ich mir aus Presseinformation und Foliensatz herausgesucht habe:

  • „Drei Viertel sehen Digitalkompetenz als neue Kernkompetenz“
  • „Die meisten Berufstätigen sehen sich nicht optimal für die digitale Arbeitswelt gewappnet“
  • „Sieben von zehn haben im Job keine Zeit für Weiterbildungen“

Ich überspringe an dieser Stelle einmal die weiteren Details. Denn Umfragen dieser Art sollen und wollen nicht klären, was genau unter digitalen Kompetenzen zu verstehen ist und wo ihre Vermittlung oder Entwicklung anfängt. Es sind vor allem Appelle …

„Der Bitkom fordert eine Initiative von Politik und Wirtschaft, um lebenslanges und informelles Lernen zu stärken. In der beruflichen Weiterbildung sollten die Angebote kontinuierlich verbessert und an die sich wandelnden Anforderungen der Digitalisierung angepasst werden. Für Weiterbildungsangebote zu digitalen Kompetenzen sollten staatliche Programme aufgelegt werden. Die Vermittlung von Digitalkompetenz muss zudem über die gesamte Bildungskette hinweg in den Vordergrund rücken. Um die Bereitschaft zu Weiterbildungen zu erhöhen, sollten für Unternehmen und Erwerbstätige gezielt Anreize geschaffen werden, etwa durch Steuererleichterungen. Neben der Politik seien auch die Unternehmen gefordert, …“

Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM), 17. November 2017

Lernen und Bildung Erwachsener

Neben „schöner Literatur“ habe ich mir im Urlaub auch ein Fachbuch gegönnt und „Lernen und Bildung Erwachsener“ von Horst Siebert eingepackt. Horst Siebert, das vorneweg, ist eine feste Größe in der Erwachsenenbildung, hat das Fach mitentwickelt, in Hannover gelehrt und ist inzwischen emeritiert. Das Buch ist 2011 zum ersten Mal erschienen und wurde für die 3. Auflage (2017) von Matthias Rohs um ein Kapitel „Erwachsenenbildung in der digitalisierten Gesellschaft“ erweitert. Auch ein Kaufgrund für mich.

Das Buch richtet sich vor allem an Studierende der Erwachsenenbildung und will ihnen Überblick und Orientierung geben. Es enthält fünf Kapitel, die keiner strengen Logik folgen, sondern eher verschiedene Perspektiven auf den Gegenstand „Erwachsenenbildung“ werfen. Ihre Überschriften lauten: 1. Lernforschung im Überblick, 2. Biografisches Lernen, 3. Lehr-Lernsituation, 4. Bildung in der Gesellschaft der Postmoderne, 5. Theorien der Erwachsenenbildung. Hinzu kommt das abschließende Kapitel von Matthias Rohs.

Da meine Lektüre größtenteils bei tropischen Temperaturen in Südfrankreich erfolgte und sich in den familiengesteuerten Tagesablauf einbetten musste, will ich an dieser Stelle in lockerer Reihung aufzählen, was ich „mitgenommen“ habe.

  • Horst Siebert ist ein Vertreter einer konstruktivistischen Erkenntnis- und Lerntheorie. Das ist heute zwar kaum noch eine Nachricht wert, aber man erfährt als Leser dieses Grundlagenwerks sehr schön, was der Konstruktivismus als Dach alles zusammenführt: Das beginnt (natürlich) mit einer klaren Vorstellung vom Lernen und von Lernprozessen: Sie sind „situiert“, „biografisch eingebettet“, „selbstgesteuert“, „lebensweltbezogen“. Wie ein roter Faden wird immer wieder darauf hingewiesen, dass das Lernen Erwachsener geprägt von persönlichen Erfahrungen ist, verankert in unterschiedlichen soziokulturellen Milieus, geprägt von beruflichen Anforderungen und familiären Situationen.
  • Aus den weiteren Bezügen, die sich aus der konstruktivistischen Erkenntnis- und Lerntheorie ergeben, will ich nur zwei Punkte herausgreifen: zum einen die Verbindung zu den Erkenntnissen der Neurowissenschaften bzw. Gehirnforschung, auf die Horst Siebert natürlich ausführlich hinweist. Er führt an, dass unser Gehirn (als „wichtigstes Lernorgan“, S.74) autopoietisch, operational geschlossen, strukturdeterminiert und selbstorganisiert funktioniert und dass es als geschlossenes System vorwiegend mit sich selbst kommuniziert, Lernen also überwiegend als „innerer Monolog“ stattfindet. Aber Horst Siebert stellt auch fest, dass, so faszinierend die Erkenntnisse der Gehirnforschung auch scheinen, ihre didaktisch-methodischen Konsequenzen „begrenzt“ sind (S. 68).
  • Zum anderen spannt Horst Siebert eine Verbindung zwischen postmoderner Gesellschafts- und konstruktivistischer Erkenntnistheorie, wenn er Pluralität (als „Vielfalt der Wirklichkeiten, der Wahrheiten, der ‚Vernünfte‘“) als Schlüsselbegriff hervorhebt. „Lernen in der Postmoderne ist eine unabgeschlossene Suchbewegung.“ (S. 145)
  • Der letzte Punkt weist auch darauf hin, dass „Lernen und Bildung Erwachsener“ mehr Disziplingeschichte als ein (systematisches) Handbuch zur Didaktik und Methodik des Erwachsenenlernens ist. Aber natürlich fällt das Stichwort „Ermöglichungsdidaktik“, und natürlich ergeben sich aus den Ausführungen von Horst Siebert unmittelbare Konsequenzen für die praktische Gestaltung und Umsetzung von Lehr-/ Lernsituationen. Zwei Zitate, die das unterstreichen:

„Erwachsene sind lernfähig, aber unbelehrbar. Das schließt jedoch nicht aus, dass sie mit und von anderen lernen.“ (S. 95)

„Dies ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Schulpädagogik und Erwachsenenbildung: In der Schule sind die Themen von dem Fächerkanon vorgegeben. In der Erwachsenenbildung werden die Themen durch die Teilnehmer vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen und Verwendungssituationen konstruiert.“ (S. 80)

  • Horst Siebert zeichnet auch nach, wie sich in den letzten Jahrzehnten die Schwerpunkte der Erwachsenenbildung verändert haben. „Qualifikation – Kompetenz – Bildung“ lautet die Überschrift eines Kapitels. Hier spricht er sogar von der „Renaissance und Reinterpretation des Bildungsbegriffs“: „Bildung ist ohne Wissen, Qualifikationen, Kompetenzen nicht denkbar. Aber Bildung enthält darüber hinaus eine ethische und politische Dimension. Bildung basiert auf einem humanistisch-demokratischen Menschenbild.“ (S. 50) Das ist vermutlich schon 2011 geschrieben, aber auch heute jederzeit anschlussfähig.
  • Zum Stichwort „Disziplingeschichte“ hier eine interessante Zusammenfassung von Horst Siebert:

„Überblickt man die Erwachsenenbildungsforschung der vergangenen 50 Jahre, lassen sich folgende Trends und Akzentverschiebungen feststellen:
– von Pädagogik zum Bildungsmanagement (Organisationsentwicklung, Personalentwicklung, Change Management)
– von der Lern- und Entwicklungspsychologie zur Biografieforschung
– von der Bildungssoziologie zur Milieuforschung
– von der fachspezifischen Forschung zur interdisziplinären Forschung
– von der nationalen Perspektive zur komparativen, internationalen Perspektive
– von der Institutionenforschung zur Netzwerkforschung
– von formalen Lernprozessen zur Verbindung formalen und informellen Lernensvon der Lehrforschung zur Qualitätssicherung.“ (S. 41)

  • Zum Abschluss noch zwei Beobachtungen: Wenn Horst Siebert von Erwachsenenbildung spricht, dann sind ihm die Volkshochschulen als Lernorte näher als die Arbeitsplätze in Unternehmen und Organisationen. Betriebliche Weiterbildung kommt nur am Rande vor. Das kann auf Leerstellen der Lehr-/ Lernforschung oder den persönlichen Erfahrungshintergrund des Autors hinweisen. Oder auf beides.
    Der andere Punkt: Es ist sicher nur eine Notlösung, wenn die Digitalisierung und ihr Einfluss auf das Lernen und die Bildung Erwachsener in einem separaten Kapitel nachgeschoben wird. Sie gehört in jedes Kapitel (ohne dass selbstverständlich das Stichwort in jedem Kapitel fallen muss).

Mein Fazit: Ich habe das Buch mit großen Gewinn gelesen, weil es von der ersten bis zur letzten Seite unterstreicht, dass Lernen ein selbstgesteuerter Prozess ist, lebenswelt- und situationsbezogen. Der Begriff „Biografisches Lernen“ bringt es auf den Punkt und zeigt die Grenzen der Informationsvermittlung im Sinne einer „Belehrungsdidaktik“ auf.
Horst Siebert: Lernen und Bildung Erwachsener. Bielefeld (W. Bertelsmann Verlag) 2017, 3., überarb. Auflage, 243 S.

Trends im lebensbegleitenden Lernen

Es wäre interessant zu wissen, wie viele Stunden Peter Baumgartner bekommen hatte, um alle Stichworte dieser Präsentation vorzustellen. Zwei Linien lassen sich - auch ohne Tonspur - erkennen: Die erste unterstreicht die Bedeutung des informellen Lernens und führt zur Frage, wie man dieser Bedeutung im Bildungskontext besser gerecht werden kann. ePortfolios können hier eine Lücke schließen.

Die zweite Linie steigt mit der viel zitierten Studie von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne (”The Future of Employment”) ein und führt Peter Baumgartner zur zentralen Frage seines Vortrags: “Welche Inhalte und Organisationsformen braucht Bildung für eine Gesellschaft, die keine Lohnarbeit-Beschäftigung mehr kennt, aber weiterhin Bildung für gesellschaftlich relevante Arbeit benötigt?” Hier, so Peter Baumgartner, könnte Service Learning eine Antwort bieten (via Gabi Reinmann).
Peter Baumgartner, Prezi, 25. Februar 2017