Universität 4.0 – Gedanken im Vorfeld eines Streitgesprächs

Im Umfeld der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) mit dem überraschenden Titel „Universität 4.0“ haben jetzt einige Referenten und Referentinnen ihre Beiträge publik gemacht. Dazu gehört auch Gabi Reinmann. Sie hat sich, zur Vorbereitung auf ein Streitgespräch, mit verschiedenen Fragen rund um die Digitalisierung auseinandergesetzt und stellt uns ihre Antworten im Nachhinein zur Verfügung. Im Grunde sind sie alle ein Appell, sich auf die Aufgabe der Universität zu besinnen, „einen verantwortungsvollen Umgang mit der Digitalisierung zu finden“ – und nicht immerzu die gleichen Fragen nach dem Nutzen und Mehrwert digitaler Medien zu beantworten. Was sie als „digitale Grenzgängerin“ aber dennoch, den Vorgaben ihrer Mitstreiter folgend, tapfer tut.

„Es gilt, der Digitalisierung forschend und lehrend, offen und kritisch zugleich zu begegnen – mit einer Idee der Universität als Richtschnur. Es gilt, gerade in der Universität über den Tellerrand der Digitalisierung zu schauen.“

Gabi Reinmann, Hochschuldidaktik, 3. November 2017

Bildung und Umgebung (I). Wege aus der pädagogischen Provinz

Der Autor arbeitet sich am Stand der Bildung ab, und wie bei vielen „schönen“ Texten kann man sich auch hier nie ganz sicher sein, alle Botschaften verstanden zu haben. Bildung, das nehme ich mit, hatte mit dem Lesen von Büchern zu tun und war in nationalen Traditionen (Provinz!) verwurzelt. Dann kam Bologna und bescherte zwar eine „Europa-Beamten-Bürokratie“, aber nicht die erhoffte, grenzüberschreitende Mobilität der Studierenden. Nicht bestellt, aber einflussreicher sind dagegen die sozialen Netzwerke, die von Silicon Valley aus den europäischen Kommunikations- und Bildungsraum prägen. In diesem ersten Teil drückt Heiko Christians vor allem sein Unbehagen an einigen aktuellen Veränderungen aus. Die Stichworte „Medienkometenz“ und „Bildungsroman“ fallen. Aber die Auflösung erfolgt wahrscheinlich erst in der Fortsetzung dieses Artikels. Mal sehen, ob sie der Verlag wieder offen ins Netz stellt…

„Dass sich gleichzeitig – nach Bologna, Pisa oder Lissabon (also nach dem »Übereinkommen über die Anerkennung von Qualifikationen im Hochschulbereich in der europäischen Region« vom 11. April 1997) – weder die internationale Mobilität der Studierenden verbessert hat, die wahrscheinlich sogar im Mittelalter höher war als heute, noch die sogenannte Regelstudienzeit durchschnittlich besser eingehalten wird, ist als deprimierende Zwischenbilanz der Reform schon akzeptiert. Obwohl sie mit genau diesen Verheißungen eingeleitet worden war, zeigt sich jetzt, dass es womöglich doch weniger um studienorganisatorische als vielmehr um (macht)- politische Ziele gegangen sein dürfte.“

Heiko Christians, Merkur, Jahrgang 71, Heft 819, August 2017

Bildquelle: Goldmund100 (Luca Volpi, Wikimedia)

 

Von der Wissensblödigkeit zur Fähigkeit der Selbstorganisationsdisposition

Werner Sauter gibt hier einen lesenswerten, komprimierten Überblick über die aktuelle Kompetenz-Diskussion. Dabei unterscheidet er “vier Definitionscluster”, die er kurz vorstellt und verortet:

- Kognitionsbezogene Kompetenz in den internationalen Schulleistungsstudien wie PISA, TIMSS, PIRLS …
- Kompetenz als ökonomisierte Variante des klassischen Bildungsbegriffs …
- Kompetenz nach dem Europäischen oder den Deutschen Qualifikationsrahmen …
- Kompetenz als die Fähigkeit zur Selbstorganisationsdisposition …

Hinter dem letzten Cluster verbirgt sich das, was in der betrieblichen Bildungspraxis heute immer mehr konsensfähig ist: “Kompetenzen sind Fähigkeiten in offenen, unüberschaubaren, komplexen, dynamischen und zuweilen chaotischen Situationen kreativ und selbst organisiert zu handeln (Selbstorganisationsdispositionen). … Den Kern der Kompetenzen bilden Werte.”
Werner Sauter, Corporate Learning Alliance Blog, 14. Mai 2016

50 Jahre “Die deutsche Bildungskatastrophe” von Georg Picht

Werner Sauter erinnert: “1964, vor fast genau fünfzig Jahren erschien ein Buch, das die deutsche Bildungslandschaft erschütterte - aber nicht revolutionierte. Ein revolutionäres Buch mit gerade mal 97 Seiten, das hunderte Schritte anstieß, aber im Laufe von teilweise notwendigen und wichtigen, teilweise nur bürokratischen Entwicklungen seine revolutionäre Sprengkraft einbüßte: „Die deutsche Bildungskatastrophe” von Georg Picht.”  Viele Facetten des Bildungs-Begriffs und Humboldt entdeckt er dort. Und eine große Nähe zum “modernen Kompetenzbegriff”. Bei Humboldt und Picht.
Werner Sauter, Blended Solutions Blog, 14. Dezember 2014