Mobile Learning Day 2017

Am Donnerstag war ich auf dem Mobile Learning Day an der FernUni Hagen. Es war die mittlerweile 9. Auflage dieses Events. „Mobile“ ist dabei längst zur Formel dafür geworden, dass heute die Grenzen zwischen Lebens-, Arbeits- und Lernwelten durchlässig geworden sind und jeder Raum ein potentieller Lernraum ist. Und so reichte das Themenspektrum des #MLD2017 auch von der Künstlichen Intelligenz bis zum eAssessment. Einige Stichworte sowie Links mit Hintergrundinformationen habe ich untenstehend kuratiert.

 

Holokratie als Organisationsmodell für agile Bildungsorganisationen? 3 Fallbeispiele

Warum beschäftigen sich Bildungsorganisationen mit neuen Strukturen und Formen der Zusammenarbeit? Zum einen, weil sie sich mit neuen Kundenbedürfnissen und -anforderungen konfrontiert sehen und auf diese besser und dynamischer („agiler“) reagieren wollen; zum anderen, weil sie sich als Change Agents verstehen, die sich aktiv mit neuen Organisationsmodellen auseinandersetzen, um ihre Erfahrungen anschließend mit anderen Unternehmensbereichen zu teilen.

Ganz konkret geht es um Holokratie (engl. Holacracy), ein Modell, das seit einigen Jahren als Alternative zu traditionellen Formen der Zusammenarbeit und Entscheidungsfindung hoch gehandelt wird. Prominentester „Anwendungsfall“ ist der Onlinehändler Zappos. Von anderen Unternehmen, die auf Holokratie setzen, hört man selten. Um so erstaunlicher, dass Christoph Meier gleich von drei schweizerischen Bildungsorganisationen berichten kann, die sich aktiv mit den eigenen Organisationsstrukturen auseinandergesetzt haben und bereit waren, darüber zu erzählen!

Warum nun Holokratie? Für die CYP, das sich als „führendes Kompetenzzentrum für modernes Lernen der Schweizer Banken“ versteht, war es der Wunsch, sich zu einer agileren Netzwerkorganisation zu wandeln; für ein Team des HR Bereichs der Versicherungsgesellschaft Mobiliar war es ein Experiment, mit dem man schnell an Grenzen gestoßen ist; und für die Swisscom passte es in eine Reihe agiler Arbeitsformen und -Methoden, mit denen man sich dort im Zeichen der digitalen Transformation schon länger beschäftigt.

Die Fallberichte sind lesenswert. Holokratie bildete mal die direkte Vorlage, mal den Anstoß, und immer geht es um Anpassungen, die „vor Ort“ vorgenommen wurden. Ein spannendes Thema, das sicher auch für andere Bildungseinrichtungen interessant ist.
Christoph Meier, scil-Blog, 16. November 2017

Entwicklung digitaler Kompetenzen – drei Lösungsansätze aus der Praxis

Ein neuer Werkstattbericht von Joël Krapf und der Schweizerischen Post. Zur Erinnerung: Dort hat man sich entschieden, zwischen digitalen Kompetenzen und Kompetenzen in einer digitalisierten Welt zu unterscheiden und diese Unterscheidung in einem entsprechenden Referenzrahmen abzubilden (siehe Schaubild). Wobei ich anmerken muss, dass es etwas verwirrend ist, wenn dann im Text auch die Kompetenzen in einer digitalisierten Welt als digitale Kompetenzen (manchmal mit Anführungszeichen) bezeichnet werden. Andere sprechen hier deshalb von „future skills“ oder „21st century skills“.

 

 

Aber das nur zur Einordnung. Im Beitrag skizziert Joël Krapf drei Maßnahmen – ein Curriculum für das (Senior) Management, eine externe Ausbildung im «Digital Management» für Führungskräfte, einen Schulungs-Workshop für Schlüsselpersonen aus allen Hierarchiestufen -, die auf das Thema „digitale Kompetenzen“ einzahlen. Wobei er, wenn ich es richtig lese, auf diese Maßnahmen im Ökosystem der Schweizerischen Post gestoßen ist. Sie wurden nicht mit Blick auf das Referenzmodell entwickelt.
Joël Krapf, Blog, 17. November 2017

Neue Studie: Blockchain in Education

Blockchain in der Bildung ist ein Thema, in das gerade sehr viel Fantasie gesteckt und das uns sicher noch einige Zeit beschäftigen wird. Die Publikationen zum Thema sind allerdings überschaubar. Umso erfreulicher, dass es jetzt diese umfassende Studie des Joint Research Centre (JRC), das ist der wissenschaftliche Dienst der Europäischen Kommission, gibt. Und noch schöner, dass sich das Hochschulforum Digitalisierung (den Namen des/ der Autor*in kann ich leider gerade nicht entdecken) aufgemacht hat, die 136 Seiten zu lesen und zusammenzufassen. So wissen wir jetzt:

  • Dier Einsatz von Blockchain in der Bildung steckt noch in den Kinderschuhen, doch das (genau!) „disruptive Potenzial“, so die JRC-Autoren, ist da.
  • Die vielversprechendsten Einsatzmöglichkeiten bestehen in der Ausstellung und Verifizierung von Leistungsnachweisen und Zertifikaten, der Verwaltung von geistigem Eigentum, im Datenmanagement und der Studienfinanzierung.
  • Wichtig ist in dieser Phase eine breite grenzüberschreitende Zusammenarbeit, „denn Blockchain entfaltet sein Potential vor allem in der transnationalen Nutzung“.

Ich möchte noch kurz die Träger der vier (!) „Use Case Studies for Blockchain Technology in Education“ ergänzen, die in der Studie kurz vorgestellt werden: Open University UK, University of Nicosia, MIT, Maltese Educational Institutions.
Hochschulforum Digitalisierung, 15. November 2017

Revisiting 70:20:10

Die 70:20:10-Formel, so mein Eindruck, ist „angekommen“. Weiterbildung und Lernen spielen sich nicht nur im Seminarraum ab, sondern auch am Arbeitsplatz und im Austausch mit anderen. So weit, so klar. Aber ab und zu treffen sich dann doch noch Experten, Interessierte und manchmal auch Zweifelnde, um sich über die Formel und darüber, was man mit ihr in der Praxis anstellen kann, zu verständigen. So gab es kürzlich einen Twitter-Chat zum Thema, und Clark Quinn versucht hier eine Zusammenfassung.

Zwei Punkte habe ich mir notiert: a) Wenn die Zahlen stören, dann bietet zum Beispiel die Aufteilung in „education – exposure – experience“ eine Alternative; b) Warum nicht die Formel als „design tool“ nutzen, um – ausgehend von den 70 Prozent – Aktivitäten und Angebote auf allen Ebenen zu entwickeln bzw. zu unterstützen?
Clark Quinn, Learnlets, 7. November 2017

Bildquelle: Ryan Tracey (Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Lernen Bildungsferne lieber offline?

Ein Teufelskreis: Bildungsanbieter laden in Seminare und Workshops ein und lassen sich von zufriedenen Teilnehmern bestätigen, dass sie lieber vor Ort zusammenkommen als einen Online-Kurs bearbeiten. So wird das natürlich nichts mit der Digitalisierung in der Weiterbildung, meint Ulrich Schmid (MMB-Institut für Medien- und Kompetenzforschung), und stellt folgende Fragen:

  • Haben Bildungsanbieter wirklich systematisch geprüft, welche Programme sich fachlich und didaktisch besser offline als online durchführen lassen?  Oder hängt man oft nur an bewährten Geschäftsmodellen?
  • Können bestimmte Ziele wie die Entwicklung digitaler Kompetenzen überhaupt durch Offline-Schulungen erreicht werden?
  • Kann man in der heutigen Arbeitswelt überhaupt auf effiziente Online- und OnDemand-Dienste verzichten?

Vor diesem Hintergrund sollte jeder Bildungsanbieter, so Ulrich Schmid, sein bestehendes Portfolio auf den Prüfstand stellen. Bevor andere es tun. Didaktische wie geschäftliche Potenziale sind in jedem Fall da.
Ulrich Schmid, Digitalisierung der Bildung/ Bertelsmann Stiftung, 15. November 2017

3 ways technology can help build business agility

Die Autorin leitet ihren Weckruf wie folgt ein: „In this article I explore three ways that organisations can be using learning technologies to enhance the learning experience in ways that increase staff and business agility.“ Die Punkte stimmen: Make connections; Learn on the move; Prioritise learning transfer.

Schließlich: „Your workers are often at the forefront when it comes to adopting L&D technologies – even if they don’t call it learning, they are connecting with others and accessing the learning they need on the move. It’s time to catch up! Are you already using these learning technologies in your L&D strategy?“

Priya Dharni, Towards Maturity, 13. November 2017

Der Tag des Shopping-Wahnsinns

In Ökosystemen denken. Bildungsangebote als Experience, als Entertainment, eingebettet in bestehende, lustvolle Interaktionsformate. Nicht online oder offline, sondern dort, wo sich die Menschen aufhalten. Und unter neuem Namen, denn „Weiter-Bildung“ passt irgendwie nicht ins Bild.

Zu diesen Stichworten inspiriert hat Anja C. Wagner Online-Händler Alibaba und der „Singles‘ Day“ (11.11.), mit dem sie uns in ihrem aktuellen Newsletter bekannt macht.
FrolleinFlow / FLOWCAMPUS, The NeWoS, November 2017

Bildquelle: Olaf Kosinsky (Wikipedia, CC BY-SA 3.0 de)

Lern- und Lehrvideos: Gestaltung, Produktion, Einsatz

Für das „Handbuch E-Learning“ haben Martin Ebner und Sandra Schön diesen Beitrag geschrieben und als Entwurf veröffentlicht. „Lern- und Lehrvideos sind heute unerlässliche Bestandteile eines zeitgemäßen Unterrichts“, schreiben sie, und nachdem das geklärt ist, zählen sie verschiedene Einsatzmöglichkeiten von Lern- und Lehrvideos auf: von der Suche nach schnellen Antworten auf YouTube bis zu Massive Open Online Courses.

Es folgt ein Überblick über einige wichtige Formate wie Screencasts, Legetechnik-Videos, Tafel- und Whiteboardanschriften, Vorträge, Reportagen, Studioaufzeichnungen, Live-Vorträge, Animationen und Trickfilme, Interviews, Blockbuster (wenn es etwas mehr Budget gibt …) und, als ganz aktueller Trend, 360-Grad-Videos. Ein Lernvideo-Canvas gibt Interessierten schließlich noch eine praktische Starthilfe an die Hand. Für Einsteiger.
Martin Ebner und Sandra Schön, in: Hohenstein, Andreas/Wilbers, Karl (Hrsg.): Handbuch E-Learning, Deutscher Wirtschaftsdienst (Wolters Kluwer Deutschland), Köln, 71. Erg. Lfg., Oktober 2017 (via ResearchGate)

Mein Wochenausklang: Brauchen wir „Microlearning“?

In diesen Wochen erreicht mich wieder eine Fülle an Webinar-Angeboten. Ab und zu melde ich mich für eines an, und ab und zu raffe ich mich dann tatsächlich auf, auch einmal reinzuhören. Diese Woche ging es um „Micro-Learning and Gamification“. Ich bin dann doch zur Halbzeit aus dem Angebot ausgestiegen, weil es eher an Einsteiger adressiert war. Aber über den Begriff Microlearning habe ich noch eine Weile nachgedacht.

Ich weiß noch, dass es 2005 eine Microlearning-Konferenz in Innsbruck gab. Auf dieser (oder der nächsten, 2006?) bin ich gewesen. Damals führte der Begriff Microlearning noch beide Welten zusammen: die Internet-Avantgarde, die von Hypertext, RSS und „small pieces, loosely joined“ schwärmte; und die EdTech-Vertreter, die schon an neue Anwendungen für das mobile Lernen glaubten. Mit dem iPhone und YouTube haben dann die letzteren das Feld und den Begriff übernommen.

Was aber den Umgang mit Microlearning nicht leichter gemacht hat. Zwar ist man sich heute einig, dass mit Blick auf Nutzungsroutinen, Aufmerksamkeitsspannen und Vergessenskurven kein Weg an kurzen Lerneinheiten vorbeiführt. Aber hat man damit schon ein pädagogisches Konzept? Wenn ich den Begriff zum Beispiel in der „Mediendidaktik“ von Michael Kerres nachschlage, so werde ich zum Kapitel „Behaviorismus“ geführt. Dort wird Microlearning mit dem mobilen Lernen zusammengebracht, aber auch mit der Warnung, dass sich in kurzen Zeitfenstern nur begrenzte Lerninhalte, sprich: Faktenwissen, sinnvoll bearbeiten lassen. Es liest sich eher wie eine Verlegenheitslösung.

Im eingangs erwähnten Webinar gab es ein Schaubild mit einer Gegenüberstellung von Microlearning und Macrolearning (der Begriff war mir, das nur am Rande, neu). Microlearning, so heißt es da unter anderem, kommt ins Spiel, wenn ich sofort eine Antwort benötige („I need help now“), Macrolearning dagegen antwortet auf „I want to learn something new“. Das eine ist getrieben durch meine Fragen, beim anderen werde ich von Experten geführt. Aber auch diese Unterscheidung wirft Fragen auf, und ich bin nicht sicher, ob sie es in die Neuauflage der „Mediendidaktik“ schaffen wird.

Vielleicht, so mein heutiges Fazit, erweitert Microlearning vor allem den Blick: darauf, dass Lernen ein kontinuierlicher Prozess ist, in dem „große Lernblöcke“ durch kleine Impulse eingeleitet oder durch kurze Refresher fortgeführt werden können; darauf, dass Lernen formal und informell stattfindet und an vielen Stellen, oft hinter unserem Rücken, fest in unseren Alltag eingebettet ist. „Alte“ Newsletter-Dienste versuchen auch, solche Impulse zu setzen. Heute kommen sie als Messenger-Dienste via WhatsApp oder Telegram daher, wie die „tägliche Dosis Politik“ der Bundeszentrale für politische Bildung. Auch eine Form von Microlearning!?